Im Käfig

Meine Wut ist unbändig wie ein wildes Tier, das zu lange in einem Käfig eingesperrt war und jetzt befreit wird und vor seinem Wärter steht.

Sie wird ihn zerreißen oder ersticken in der Enge ihrer Zelle.

Ach Wut, du bindest, du lässt nicht los!

Doch der Tag scheint silbern am Horizont, der die Nacht ablösen wird.

Eines Tages werde ich frei sein.

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So seltsam

Aus welcher bizarren Welt entsprang dieser Gegenstand?

RASIER- U. ABSCHMINKPAPIER?

Eine Klinge und ein Mund gefährlich nah gedruckt auf ein quadratisches Pappstück mit einem Inhalt wie Schmirgelpapier. Großartig, verwirrend, bekloppt. Genau mein Geschmack. Allerdings nur für meinen Kuriositätenfetisch. Keine zehn Pferde lassen mich zur Klinge greifen. Da bleibe ich lieber geschminkt.

Beobachten mit der Kamera schützt vor der Realität.

Alltags Geschichten

Ich soll meine Geschichte also hier erzählen. Aber wo soll ich anfangen, wenn jeder Tag ein Roman und jede Liebe ein Gedicht ist?

Dazwischen liegen Ewigkeiten mit Onlinewerbung. Höhen aus gestapelten Reklameblättern und Zigarettenblättchen, die vom Winde verweht ihre Botschaft bedeutungslos werden ließen.

Der Alltag ist fad. Wir denken täglich zu 80% das gleiche wie am Tag zuvor, offenbarte ein Trainer in einem Führungskräfteseminar. Ich dagegen denke, das in jedem Gedanken eine Geschichte liegt, die nur darauf wartet zum Leben erweckt zu werden. Jede ein bisschen anders.

So erzähle ich heute eine Geschichte von einem Mann, der ein guter Freund sein wollte. Jeden Tag verbrachte er viel Zeit damit, Kontakte zu pflegen, zu telefonieren, zu schreiben und natürlich Menschen zu treffen. Morgens früh zu Terminen zu begleiten, abends die letzten Biergläser in die Küche zu tragen. An manchen Nachmittagen saß er mit seiner Familie zusammen, gerade vertieft in gemeinsame Aktivitäten und das Telefon klingelte mehrfach. Seine Frau und seine Kinder versahen ihn mit genervten Blicken, wenn er jedesmal seufzte, aber dennoch pflichtbewusst abhob und für die großen und kleinen Sorgen seine Freunde da war. Freundschaft, pflegte er zu sagen, ist ein hohes Gut. An manchen Tagen jedoch, schloss sich der Mann ein, zog die Decke über den Kopf und wollte niemanden sehen. Oft ging dem voraus, dass seine Freunde seinen Erwartungen nicht gerecht geworden waren. Dann ignorierte er die Anrufe und schimpfte, es gäbe keine echte Freundschaft mehr und er sei dumm, dass er sich so behandeln ließe. Am nächsten Tag jedoch, kehrte er mit finsterer Miene aus der Isolation, setzte sich wieder an den Frühstückstisch. Ein paar Tage später hörte man ihn wieder telefonieren und nach einer Woche schleppte er wieder Umzugskisten und erledigte Steuererklärungen.

Und die Moral von der Geschicht. Keine.

Nur eine Frage: Was ist ein guter Freund?

War das wirklich jetzt?

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Von allen großen und unerklärlichen Phänomenen der menschlichen Wahrnehmung ist Zeit wohl das am wenigsten zu begreifende.
Es ist schon eine geraume Weile her, dass ich in meiner mündlichen Abschlussprüfung über den Zeitbegriff bei Aristoteles sprach und mich dem Thema wissenschaftlich annäherte. Diese Zeit in einem sonnigen, staubigen Zimmer an der Universität, die ich mit meinem Professor verbrachte, die Berge von Büchern und Schriften, die ich aus der Bibliothek hinausbalancierte um sie mit dem Zug in eine andere Stadt zu bringen und in einem Dachzimmer an einem Buchenholztisch zu lernen, ist lange vorbei. Meine Erinnerung taucht sie in ein goldenes Licht, bei aller Anspannung einer Studierenden die ich damals sicher hatte, bleibt nur die Wolke der Zeit als Vieles noch vor mir lag und ich das Jetzt zelebrieren konnte, weil ich voller Zuversicht wusste, dass das nächste Jetzt freundlich war. Ich gab mir selber Zeit, mich zu entwickeln, denn meine Zeit lag ja noch vor mir.
Heute denke ich mit Staunen an die langsamen Tage, an denen ich las, schrieb und mich langweilte. Zu voll ist dieses Leben für meine reizoffenen Synapsen, die auf jedes Eichhörnchen reagieren. Ach, wenn es doch Eichhörnchen wären! Die Eichhörnchen sind längst Vergangenheit.

Da sitzt dieses Kind morgens vorm Fernseher, dessen Kindersicherung es zielsicher umgangen hat, macht den Ton leise, damit niemand aufwacht, liegt nur zehn Minuten dort, weil es ein Geräusch aus dem Flur hört, springt wie eine Katze auf und zieht den Stecker, der alles wieder in den Urzustand des schlafenden Wohnzimmers versetzt. Dieses Kind, das Eispapier in der Toilette herunterspült, um die Spuren zu beseitigen, läuft später durch den Wald und klettert auf Bäume, kommt nach Hause und schreibt eine Geschichte in sein kleines, kariertes Tagebuch. Mit pinkem Fineliner.

Was hat das mit der Zeit zu tun? Was mit mir? Sind Erinnerungen wirklich passiert? Philosophische, nicht rhetorische Fragen.

Wie bin ich hierher gekommen?
Durch die Zeit.

Währenddessen

Währenddessen sitzen irgendwo zwei Menschen auf einem Sofa und entspannen sich. Sie haben gerade zu Abend gegessen. Spaghetti mit Soße, weil es heute schnell gehen sollte, aber trotzdem lecker sein. Jetzt sind sie satt, haben den Fernseher angestellt und sehen das Abendprogramm Nicht sehr konzentriert, weil sie sich lebendig unterhalten. Wenn du die Ohren spitzt, kannst du verstehen, wie sie die Sendung ironisch kommentieren, die Sprecher imitieren, aber meistens wirst du bei dem prasselnden Regen nur ihr Gelächter anschwellen und wieder verebben hören.

Ja, dieser Regen, der zieht einem durch Mark und Bein. Die Jacke liegt schon wie ein Sack klatschnass auf meinen Schultern. An der Vorderseite laufen Bächlein herab. Ist angeblich wasserabweisend, die Jacke. Stattdessen friere ich, meine Muskeln sind kalt, mein Körper starr und unbeweglich. Ein vorsichtiger Versuch, den Arm zu bewegen ist noch von Erfolg gekrönt als ich mir die nassen Haare aus dem Gesicht wische, doch meine Beine bewegen sich nicht. So muss ich wohl hier stehen bleiben. Aber das ist nicht so schlimm. Ich lehne mich einfach zurück an die Wand zu der ich mit dem Rücken stehe und denke an das, was währenddessen wohl geschieht.

Alles in Ordnung mit Ihnen?

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Es herrscht die Ruhe eines kalten, winterlichen Sonntags, der die Welt erstarren und Menschen, die sonst schlendern, vorüberhuschen lässt. Als kleine schwarze Gestalt, die sich eine Mütze bis kurz über die Augen und einen Schal bis kurz unter jene gezogen hat, stapfe ich über die reifbedeckten, unberührten Wege. Die Welt steht still und alles erscheint mir fern.

Ich weiß nicht, ob ich gläubig bin. Aber ich glaube Vieles. Dass die Politik Frauen misstraut, die sich ihr Gesicht verhüllen, so wie mir? Dass die kalte Gesellschaft an ihren Kaminen sitzt und sich die Hände wärmt, hinter verschlossenen Türen. Dass der Konsum nur von Weitem süß ist und golden glitzert. Dass die Nachbarin sich gestern wieder über den Lärm der Musik beschwert hat. Ich gehe schnell und die Sohlen meiner Stiefel finden kaum Halt auf dem glatten Boden. Ich rutsche, schlittere, strauchle, verliere das Gleichgewicht, fange mich wieder und falle nicht. Gerade noch mal gut gegangen! Ich muss an den Sommer zurückdenken, das grüne Laubdach über mir, die laue Luft, an den Moment als ich beim Joggen im Park stolperte, stürzte und unter Tränen des Schmerzes im alten Laub am Wegesrand niedersank. Wie etwas in mir wuchs, mit jeder Person, die schweigend an mir vorüber ging, radelte oder rannte. Meine Tränen wurden stärker und lautlos in die Büsche starrend konnte ich nicht mehr unterdrücken, was mein Herz zuschnürte: die tiefe, archaische Einsamkeit.

Doch nach fünfzehn Minuten eine Andere. Die Erlöserin. Sie hatte braune Haare und war etwa 40 Jahre alt, trug ein perfektes Joggingoutfit in Neonfarben und riss sich mit einer schnellen Bewegung einen Kopfhörer aus dem Ohr. Dann sprach sie die magischen Worte, griff mir unter den Arm und half meinem dreckverschmierten, kraftlosen Ego wieder auf die Beine. Nach einer Minute und ein paar warmen Worten und Beteuerungen meinerseits, es würde schon wieder gehen, joggte sie weiter und ich humpelte zur nächsten Bank, auf die ich mich setzte und atmete.

Ich weiß nicht, ob ich gläubig bin. Aber ich glaube Vieles. Dass Politik sich immer wieder hinterfragt und erneuert auf dem steinigen Weg zur Umsetzung der Menschenrechte. Dass es Frieden gibt, den ich fühle, wenn ich mich aufmache, um zur Kirche zu gehen. Dass immer eine Kerze in der Dunkelheit leuchtet, deren Flamme selbstverloren tanzt. Dass es eine Frau gibt, die mit offenen Augen durch den Park läuft und einer Gestürzten auf die Beine hilft.

Die Einsamkeit ist real. Doch solange ich etwas glauben kann, ist alles in Ordnung mit mir.