Brombeerglück

Rotblauverschmiert im Sonnenschein. Schwarze, süße Früchte im stacheligen Busch, die dort wachsen für sich selbst. Am prächtigsten dort, wo sie niemand erreichen kann. Welche Wonne, sie zu sehen und zu wissen, dass man sie niemals essen wird. Die Sehnsucht bleibt. Die besten Dinge im Leben kosten kein Geld, nur ein paar Dornen im Zeigefinger. Dieses Jahr zum letzten Mal auf der Wiese vor Dornröschens Schloss. Nächstes Jahr gibt es Reihenhäuser. Vielleicht pflanzt ja jemand einen Brombeerstrauch in seinen Garten.

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Geteilter Schmerz

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Wenn der Schmerz kommt, war oft die Anspannung zu groß. Dann nimmt er sich, was er braucht: die ungeteilte Aufmerksamkeit. Viele Fragen haben nur noch eine Antwort: er soll wieder aufhören.

Warum ist sie auch so sensibel? Immer hat sie etwas. Die eine Krankheit reicht der anderen die Hand. Wo gestern noch der Kopf schmerzte, ist das dumpfe Gefühl beim Vorbeugen verschwunden als hätte es nie existiert. Stattdessen ist es wieder der Rücken, der nur darauf wartet, vom Unterleib abgelöst zu werden. Wo bist du mit deinen Gedanken, Sophia? Vielleicht schon beim Arzt? Oder noch bei Google, Begriffe optimierend, die das Leid nicht lindern, doch wenigstens benennen können. Wenn schon Schmerz, dann wenigstens konkret. So kann sie sich dann darüber austauschen, das passende Produkt konsumieren und heilen.

Wenn der Schmerz geht, bemerkt sie es oft nicht. Es will sich Freude einstellen, doch sie weiß nicht wann. Der Schmerz öffnet die Tür, wenn er geht. Nicht ins Paradies.

Eine Wärmflasche könnte helfen. Und ein paar warme Worte.

Bald ist Nacht

Es ist Bremer Sommer. Ich tauche mit dem Kopf ein in eisiges Wasser. Beginne sofort zu schwimmen. Ich schwimme schnell, ich schwimme gut. Entferne mich vom Ufer. Das Kreischen wird leiser. Die gleichmäßigen Schwimmbewegungen vertreiben die Kälte aus meinem Körper. Es ist eine Idylle, es ist pures Glück, ich zu sein. Frei zu haben. Frei zu sein. Unter den Blicken der DLRG. Niemand soll ertrinken. Aber was kann mir schon passieren? Ich schwimme seit ich denken kann. Freiwillig. Ich lasse mich treiben und denke daran, dass in Malta der Kapitän eines Schiffes vor Gericht steht, weil er Menschen vor dem Ertrinken gerettet hat. Innerhalb Europas stünde er vor Gericht, wenn er es nicht getan hätte. Hier scheint die Sonne und ich schwimme weiter. Weil ich es kann. Bald wird es dunkel. In Europa beginnt die Nacht.

Gedichte dürfen alles – Eine Liebeserklärung

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Warum liebe ich Gedichte?
Mehr schreiben als lesen,
mehr aufsagen als lernen?

Gedichte sind freier als der Wind, der oft nur aus einer Richtung blasen kann. Sie kennen Grammatik, doch sie brauchen Sie nicht. Sie sprechen unsere Sprache, doch auch viele andere. Jede Zeile ist eine neue Entscheidung, der Beginn von etwas ganz Großem oder belanglos klein. Vornehm oder rotzig kommen Sie daher.

„Darf ich Sie bitten, völlig losgelöst herauszulassen, was Ihre Gedankenwelt sprengt?“

„Schreib, du Arschloch, schreib die Strukturen ein! Schreib die Gesellschaft klein! Frei musst du sein!“

Das Gedicht als Form für die Spinner sich zu verwirklichen und der großen, ganzen Weltorganisation nicht auf den Sack zu gehen. Fäkalsprache oder Schönschrift, alles gratis. Wählen Sie ihre Gefühle aus einem reichen Angebot.
Gezähmter Mensch aus dem Land der tausend Gesetze braucht eine Erlaubnis, um frei zu sein.

Doch als eine von ihnen, den Irren und Wirren, die sich an dem, das da ist abarbeiten, bis sie erschöpft zusammenbrechen, kann ich nur jauchzen und frohlocken, wenn ich reime und schreibe und weine, zusammensetze und tausche, von oben nach unten, von rechts nach links:

Dichten muss ich,
Dichten,
Ich brauche keine Geschichten
Ich brauche keine Worte,
Keine Orte, keine Zeit,
Ein neuer Stift,
Kein neues Kleid
Egal, was kommt
Ich bin bereit
Frei
Wofür
Alles
A B c
1 2 3
🙂

Gedichte dürfen alles?
Gedichte können alles!
Darum liebe ich sie.

Eine gepflegte Frau

ipp

Er ist weg. Wie es mir jetzt geht? Ich weiß es nicht. Ich muss wohl lernen mir selbst genug zu sein. Was das bedeutet? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht so viel. Er war immer da. Er wusste immer viel. Wir… Sind… Waren… Siebzehn Jahre verheiratet und das ist eine lange Zeit, nein, keine Kinder! Ich wollte… doch… Es hat nicht geklappt. Ihm war es auch nicht so wichtig. Das Wichtigste war sein Beruf. Er ist… Er ist… Er ist unglaublich… Er ist unglaublich gut. Er ist unglaublich schlau. Gebildet. Zielstrebig. Er musste es tun. Und er brauchte jemanden, der ihm den Rücken frei hält. Er brauchte mich. Er ist nicht schuld. Er war nicht gemein. Er hat mich nicht verlassen, aber… Wir haben uns halt getrennt. So eine Trennung kann passieren. So eine Trennung kommt überall mal vor. Wenn Sie mich jetzt fragen, ob ich bereue… dann… mmh… Sie sehen, ich zögere. Aber nein! Ich bereue es nicht. Es waren wunderschöne siebzehn Jahre. Voller Lachen. Voller Freude. Am Ende… Ja, am Ende waren das Lachen und die Freude nicht mehr da. Ich bin ihm langweilig geworden. Und das wundert mich nicht. Ich bin mir selbst langweilig geworden. Ich sehe in den Spiegel und sehe eine Frau, die sich pflegt. Eine gepflegte Frau, die sich schminkt. Die ihre Falten bemalt. Die ihr Lächeln studiert. Die ein Haus hat, in dem sie… kocht… putzt, telefoniert, Freundinnen empfängt. Ja, ich habe es geschafft, Freundinnen zu finden. Es fiel mir nicht leicht. Er sprach Englisch viel besser als ich. Ich hatte zwar keine Arbeitserlaubnis… doch…ich war eigentlich ganz froh darüber. Ich war eigentlich ganz froh darüber. Ich hatte studiert, sicher. Abschluss mit 1,5. Aber ich wusste es immer. Ich wollte mit ihm zusammen sein. Im Ausland arbeiten? Eine Stimme in mir wollte es. Sie sagte sowas wie: „Du kannst es auch schaffen!“ Doch da war auch die andere Stimme, die sagte: „Nein, mach es euch zu Hause nett.“ Er verdiente ja. Er verdiente gut. Er verdiente immer besser. Wie hätten uns eine Putzhilfe leisten können… Aber warum?
Der Hund ist letzten Sommer gestorben. Wir waren beide sehr traurig. Wir hatten ihn doch seit er ein Welpe gewesen war. Aber es ist wohl besser so. Denn, wer hätte den Hund nehmen sollen? Einer muss doch den Hund nehmen!

Sie schluchzt.

Entschuldigen Sie bitte! So ein… So ein absurder Gedanke! Absurd! Der Hund ist ja tot.
Wissen Sie, wie alt ich bin? Achtundvierzig…
Ja, was macht man mit 48 in einem Land, in das man nur gegangen ist für die Karriere des Mannes? Des Ehemannes. Das klingt nach dem 50er Jahren, aber wir haben 2015! Es ist 2015 und ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich kenne die Zahlen auf meinem Rentenbescheid. Ich bekomme vielleicht 350 Euro Rente… Ja, ich weiß. Er wird mich irgendwie unterstützen, aber… aber ich bin ja… aber ich bin ja noch keine Rentnerin! Was ich studiert habe? Biologie. Ich habe studiert und danach promoviert. Jetzt sehen Sie mich nicht ungläubig an! Ich bin nicht so blöd wie Sie denken! Entschuldigung. Entschuldigen Sie. Das ist mir so rausgerutscht. Aber manchmal hatte ich das Gefühl, die Leute sehen mich so an. Nur weil ich zu Hause bin. Hausfrau bin. Die Frauen, die arbeiten, meine ich. Es gibt nicht mehr so viele von uns. Frauen, die zu Hause sind.
Es ist schon seltsam. Alle träumen von der großen Liebe. Für die man bis ans Ende der Welt geht. Doch wenn man es dann tut, sehen sie einen schief von der Seite an.
Ich weiß gar nicht, was ich Ihnen noch erzählen soll! Ich finde dieses Gespräch so…nichtssagend.

Sie schweigt.

Wie in den letzten Jahren mit meinem Mann. Er war müde. So müde.

Sie schweigt.

Frau Müller, vielen Dank, aber ihre Zeit ist um!

Sie steht auf.

Oh, wirklich? Dann vielen Dank. Schönen Tag Ihnen, Doktor.