Was Vergessen

Ich bin unruhig. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas vergessen habe. Doch ich weiß nicht, was.

Wie standen an der Haltestelle. Du musstest mir noch schnell etwas erzählen. Nur kurz, bevor wir beide in unsere Busse steigen und auseinanderfahren würden. Du räuspertest dich. Es täte dir leid, du hättest es mir vorher sagen sollen. Aber jetzt sei es beschlossene Sache. Nächste Woche würdest du gehen. Es sei ein einmaliges Angebot gewesen. Wie hättest du es ausschlagen können? Mehr und mehr Worte sprudelten aus deinem Mund.

Ich blieb stumm. Innerlich war ich mit einem Satz zurückgesprungen wie ein erschrockenes Pferd. Äußerlich war es wohl nur meine Miene, die sich minimal verzog. Nur minimal. Okay, sagte ich. Verunsichert, gelähmt, rausgefallen aus meiner Rolle der Gutgelaunten, der Optimistin, der Allverstehenden. Doch mit tapferem Lächeln, überschütterlich, unverwüstlich freundlich. Gut. Ich wünschte dir viel Glück.

Dann tauschten wir Belanglosigkeiten aus. Plapperten, was aus unseren Kehlen strömte, eine quälende Endlosigkeit. Als du schließlich die obligatorische Umarmung anstrebtest, erwiderte ich sie voller Erleichterung und empfand nur noch Müdigkeit als ich mich ein letztes Mal umdrehte bevor ich in den schnaufenden Bus stieg, der vor uns anhielt. Du winktest mit einem aufgesetzten Lächeln und ich winkte zurück. Kuss und Schluss. Aus vorbei die Polizei. Ende im Gelände.

Dies alles erscheint mir Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre her.

Doch ich sitze hier und bin unruhig. Was ist es bloß, das ich vergessen habe?

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Wenn die Milch kalt wird

Ich sitze auf dem Stuhl. Das würde ich nicht wahrnehmen in einem anderen Moment. Doch jetzt ist es ein Teil meines Lebens, weil die Milch kalt wird. Ich spüre das Holz unter meinem Po und die Spannung in jeder Körperzelle. Jede Millisekunde. Ich starre auf den Becher. Fixiere das Weiß mit den Augen, das eine faltige Haut bildet.

Die Milch darf nicht kalt werden.

Wenn die Milch kalt ist, dann ist es zu spät.

Hätte ich die Milch nicht gekocht, wärst du aufgewacht und hättest keine Milch gehabt.

Würde ich dich wecken…

Die Uhr tickt an der Wand. Auf der Sofalehne legt sich der Staub ab, der vorher wie in Zeitlupe glitzernd und leicht im Sonnenlicht durch den Raum schwebte.

Du liegst reglos auf dem Sofa. Ich sitze gerade auf dem Stuhl.

Die Milch wird kalt.

Keine Schuhe

Ich spaziere durch den Park. Von Weitem sehe ich einen unauffällig gekleideten Mann, der auf unsicheren Schritten um eine Bank herum geht. Als ich näher komme, sehe ich, dass er Socken trägt. Beim Vorbeischlendern bemerkt er mich, blickt auf meine Schuhe und sagt freundlich: “Es ist angenehm, wenn man Schuhe hat.”
Irritiert mustere ich ihn und frage: “Wo sind denn Ihre Schuhe?”
Er schaut betrübt zu Boden und seufzt: “Bei einem sogenannten Freund, der meine Frau… Naja…” Er macht eine wegwerfende Handbewegung. Dann setzt er sich auf die Bank und als meine Blicke ihm folgen, sehe ich eine dicke, brennende Altarkerze neben ihm auf der Bank stehen. Der Mann betrachtet sie und sagt fröhlich aufmunternd zu sich selbst :” Aber ich hab eine Kerze!”

Die Geschichte

Ich erzähle die Geschichte nicht jedem. Und die, denen ich sie erzähle, können sie nicht mehr hören. Dabei ist es so wichtig, sie zu erzählen. Dieses Leben ist einsam.

Ich und die alten, weißen Herren

Einmal saß ich mit einer Gruppe alter, weißer Herren* an einem Holztisch im Freien und trank Kaffee. Uns verband nichts als das Warten.

Es ist ein strahlender Sonnentag im Frühjahr und ich wende mein Gesicht und meine Arme der Sonne entgegen, um sie so gut es irgend möglich ist, auszukosten. Der Kaffee ist schwarz und leicht bitter, so wie ich ihn mag. “Milch?” frage ich. “Und Zucker”, antwortet ein alter, weißer Herr. Oder ist es ein anderer? Einerlei.
Wenn man schon an einem Tisch sitzt und wartet, muss man sich auch unterhalten. Das gebietet die Höflichkeit. Daher sagt der eine alte, weiße Herr: “Der Herr A. ist ein Großer in der Branche.” Er deutet auf den alten, weißen Herren neben mir. Dieser fletscht die Zähne und starrt mich an. Ich lächele. Das gebietet die Höflichkeit. “Ich hab schon ganz andere Sachen gemacht. Das ist ja nichts hier!” Mit einer Handbewegung zeigt er auf alles. “Ja, das waren noch Zeiten!” sagt ein weiterer alter, weißer Herr und zündet sich eine Zigarette an. “Ich bin ja eigentlich schon in Rente”, sagt der erste Herr und klatscht sich mit der Hand auf den Oberschenkel, “aber jetzt ist die Zeit, da kann man Geschäfte machen. Es boomt, sag ich, es boomt.” Irgendwo zwitschert ein Vogel. “Also ich trete jetzt kürzer, nicht mehr 80 Stunden sondern 60.” Die alten, weißen Herren prusten, lachen, klopfen sich auf die Schenkel. Sie zwinkern und nicken sich zu. “Oh”, sage ich. Die Höflichkeit? “Meine Frau arbeitet jetzt auch weniger”, ruft ein anderer alter, weißer Herr, “statt acht noch vier Stunden!” Die Herren husten und keuchen vor Vergnügen, geben einander Feuer, zünden weitere Zigaretten an. “Mmh”, brumme ich. Höflichkeit.
“Meine Frau ist auch 10 Jahre jünger als ich”, sagt ein weißer, alter Herr und grinst in die Runde. “Jaaa!” rufen die anderen alten, weißen Herren und dann überschlagen sie sich förmlich. “Meine Frau ist auch 10 Jahre jünger als ich!” “Meine Frau ist 20 Jahre jünger als ich!” “Mein Mann ist auch jünger als ich”, denke ich und schäme mich. Wir schweigen. “Noch Kaffee?” frage ich. Höflich. Zwei alte, weiße Herren knurren. Ein dritter sagt: “Einer geht noch!”
“In Deutschland”, sagt ein alter, weißer Herr, “da kann man keine guten Geschäfte mehr machen.” “Ja, da musst du schon nach Tschechien gehen”, pflichtet ihm der nächste bei. “In Deutschland”, brüllt der dritte, “da zählt die Eule mehr als der Unternehmer!” “Ja, da zahlst du dich dumm und dämlich wegen den Naturschützern,” ätzt der dritte. “Weißt du, was hilft gegen die Eule? Abknallen!” ruft der erste alte, weiße Herr in die Runde, dass ihm der Speichel aus dem Mund fliegt. Dann sieht er mich an und grinst. Ich stehe auf und gehe zur Toilette.
Es ist ein strahlender Sonnentag im Frühjahr und die Bäume sind von zartem Grün überzogen.
Irgendwann hat diese Geschichte ein Ende.
*alter, weißer Herr, der: eine Person, die sich über 3 Dinge definiert. Alt sein im Sinne von Erfahren sein, Weiß sein im Sinne von einen undefinierten Hautton haben, der sie vermeintlich zu einer Gruppe zugehörig macht, Herr sein im Sinne von Herrscher sein.
**Höflichkeit, die: Verhalten, das Menschen an den Tag legen, um die Weltordnung zu manifestieren.

Frohe Ostern – Happy Easter!

Seit langer Zeit mal wieder ein Osterfest, das nicht zwischen dem Müssen und dem Was-hätte-sein-können zerrieben wird. Trotzdem immer eine Herausforderung, diese Tage, an denen alle Welt glücklich zu sein scheint und grausame Nachrichten kaum in den Bilderbuchfrühling eindringen können, ein Teil der Unbeschwertheit zu werden. Leichtigkeit und Lebensfreude sind unberechenbar. Aber als Sonnenschein fällt man ja gern in denselben mit ein.

Frohe Ostern, viele Blumen, Glück und Leichtigkeit wünsche ich euch allen!