Sechs persönliche Tipps gegen Winterdepression

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Böse Zungen werfen meinem Dasein Inkonsistenz und Wankelmut vor. Doch das stimmt nicht! Es gibt Menschen, Gefühle, sogar Interessen, die mich seit langer Zeit begleiten. Hier und heute möchte ich eine meiner treuen Begleiterinnen vorstellen: Vorhang auf für die Winterdepression!

Seit meiner Pubertät werde ich im Herbst zuverlässig darin erinnert, wie sinnlos das Leben ist. Während ich in den ersten Novembertagen noch hadere, setzt schon bald ein tiefes Gefühl von Verlassenheit und Traurigkeit ein, das mich in Schüben bis Ende März begleiten soll. Viele Jahre lang verwirrten mich diese Momente der globalen Tristesse. Warum war ich auf einmal traurig? In Gesprächen mit Freunden, Verwandten und (Hobby-)Psychologen versuchte ich dem Problem auf den Grund zu gehen. Natürlich fanden wir viele Gründe, die Traurigkeit rechtfertigen. Die Einsicht, dass mein Charakter schwierig, meine Vergangenheit nicht zu ändern, das Arbeitsleben kalt, Freundschaften wandelbar und Beziehungen voller Enttäuschungen sind, half mir aber nicht weiter. Sogar Kapitalismuskritik, ein wirksames Allheilmittel in meiner Gedankenwelt, versagte. Das World Wide Web brachte mich schließlich auf die richtige Spur.

Das Internet ist in meinem Leben seit rund zehn Jahren ein wirksamer Religionsersatz. Ich bin zwar im analogen Zeitalter geboren, aber die digitale Erleuchtung kann auch bei (jungen) Erwachsenen nachhaltig sein. So bete ich nicht zu Gott, wenn es mir schlecht geht, sondern öffne eine wohlbekannte Suchmaschine und tippe etwas ein wie “Traurigkeit, was soll ich tun?”, “Mein Freund ist immer mürrisch” oder “Schmerz Schulter links oben”. Bei einer dieser Recherchen, bei denen ich neben “Tagesmüdigkeit”, “Angst und Anspannung” und “Antriebslosigkeit” noch fünfzig weitere Begriffe gegoogelt hatte, stieß ich auf das Thema Winterdepression, abgekürzt SAD.
(Für die Freunde der tumben Wortspiele unter euch: Ist das nicht eine wahnsinnig lustige Abkürzung? LOL. Für alle anderen: Ja, Winterdepression hat sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag.)

Die folgenden Jahre verbrachte ich saisonabhängig mit der Suche nach wirksamen Gegenmitteln. Ich habe sie noch nicht abgeschlossen und kann nicht behaupten, dass ich bisher zuverlässig wirksame Maßnahmen einleiten konnte. Motivition für diesen Artikel ist meine Unzufriedenheit mit den meisten Tipps, die ich im Internet gelesen habe. In Foren findet man häufig eine endlose Kette von jammerigen Schilderungen des eigenen Leids, auf Standard-Medizin-Tipps-Seiten die ewig gleichen drei Hinweise: Spazierengehen, Johanniskraut und Tageslichtlampe. Sicherlich gute Ratschläge, aber im konkreten Moment manchmal nicht befriedigend. Im Folgenden möchte ich sechs ebenso unbefriedigende wie persönliche Maßnahmen vorstellen, dir mir manchmal (nicht) helfen:

 

6 Tipps gegen Winterdepression

1) Struktur – Entdecke den Roboter in dir
Viele von euch mögen ein sehr geregeltes Leben führen, Nine-to-Five-(ich meine natürlich six)-Job, am Wochenende zum Fußball, Pferd oder zur Hundeschule, Sonntags bei Oma zum Kaffee. Ihr erkennt euch wieder? Springt gleich zum Punkt 2. Für Menschen wie mich, die viel allein vorm Computer sitzen und unregelmäßige Arbeitszeiten haben: Mach dir Pläne, stell dir (frühe) Wecker, lass dich von außen kontrollieren. Menschen mit Burnout klagen manchmal, ihr Leben verlaufe wie auf Schienen. Wenn es mir im Winter schlecht geht, versuche ich, diese Schienen aufzubauen. An schlimmen Tagen sagte ich mir im Fünf-Sekunden-Takt “Gleich sagst du den Termin ab”. Ich sage ihn meistens nicht ab und es ist die beste Entscheidung, die ich an diesem Tag treffen kann.

2) Gesellschaft – Gruppenjammern ist einfach schwieriger
Triff dich mit Leuten! Nein, nicht mit deinem Schatz vorm Fernseher sitzen und feststellen, dass es ihr/ihm genauso mies geht. Eine Gruppe von drei bis sechs Leuten ist ideal. Du sollst dich ja nicht unter Menschen isolieren. Am besten sind es Kollegen, oberflächliche Freunde, freundliche Bekannte und nicht deine besten Buddys, denen du nun wirklich jede deiner Befindlichkeiten erzählen kannst. Gruppengespräche sind zwar nicht therapeutisch, oft auch nicht sehr erkenntnisreich, aber sie können Spaß machen. Und schon ist der Nachmittag, Abend, Tag wieder um!

3) Reisen – Dekadent und wirksam
Vielleicht ein sensibler Punkt für manche, aber in meinen Augen der beste Tipp gegen Winterdepression: Die Reise in ein möglichst sonniges Gebiet. Schon das Wissen um die Reise, kann bei mir leichte Depri-Schübe kurzzeitig abstellen. Falls du denkst, viel zu teuer, keine Zeit, geht alles nicht, was für eine blöde Idee, nimm das: Außerhalb der Saison reisen ist wesentlich günstiger als im Frühjahr oder Sommer. Wer weiß, dass er unter Winterdepression leidet, kann versuchen seinen Urlaub von vorneherein in den Winter zu legen. Die meisten Kollegen wollen eh im Sommer reisen. (Außer den Wintersportlern, klar!) Und zur Not nur ein Wochenende anpeilen. Die Sonne am blauen Himmel tut sooo gut. Auch wenn man im Hostel pennt und mit Billigfliegern oder Mitfahrgelegenheit reist.

4) Schlaf und Gemütlichkeit – Weltabkehr zelebrieren
Die Wärmflasche ist im Winter mein bester Freund. Weitere gute Freunde sind: Schöne Filme, Schokolade, Nüsse, Thermoskanne mit Tee, ein Stapel Bücher, eine Portion Verachtung für das Geschehen da draußen, ein zeitweiliges Desinteresse an Nachrichten. Der Vorsatz “Heute mache ich es mir so richtig gemütlich” kann an grauen Tagen mein rettender Anker sein. Darum rate ich: Sei nicht zu streng mit dir! Feier dein Phlegma! Es ist genau das, was du gerade brauchst.

5) Tageslicht und Bewegung – Ohne geht’s nicht
Buuuhhh, das ist doch ein alter Hut! Ja, aber, ja, aber! Lass ich mich ausschreiben. Natürlich weiß jeder, dass er möglichst viel Zeit im Freien verbringen sollte, Spazierengehen etc. Nur haben gerade Vielbeschäftigte gern die Ausrede, dass sie einfach keine Zeit haben. Ich will das nicht anzweifeln, aber Frischluft und Sport sind wirklich die ideale Kombination bei Winterdepression. Deswegen such dir kleine Nischen: Zu Fuß zur Arbeit gehen. Das Auto woanders parken. Früher aus dem Bus aussteigen. Mit Freunden auf einen Kaffee-to-Go treffen. Und ganz wichtig: Stolz auf jeden Meter sein! Ich freu mich an manchen Tagen wie ein Schneekönig, wenn ich es bis zum Rewe an der Ecke geschafft habe.

6) Humor – Wer zuletzt lacht, lacht am besten
Wer so flapsig schreibt, wie ich, kann nicht depressiv sein. Wer gerade tief in der Depression steckt, kann sich nicht ironisch distanzieren. Ja, das weiß ich. Aber es gibt in fast jeder depressiven Phase den Moment, in dem man etwas weniger depri ist. In diesen Phasen versuche ich, mich liebevoll auf die Schippe zu nehmen. Frei nach dem Motto “Mensch Mädel, was du dir da schon wieder für Gedanken gemacht hast! Schliess bloß die Rasierklingen weg!” Humor und das Wissen um meine Winterdepression machen es mir leichter, aus der Spirale des Unglücks rauszukommen und auf sonnige Zeiten zu hoffen. Bei dir ging gestern auch die Welt unter? Lach heute mit mir!

So, das waren die sechs. Vielleicht hilft euch der eine oder andere Tipp ja weiter. Ansonsten bin ich hier und erwarte donnernde Kritik! Besser als Winterdepression. 🙂

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9 thoughts on “Sechs persönliche Tipps gegen Winterdepression

    • Da wünsche ich dir alles Gute, die Winterdepression kann hartnäckig sein. Aber Skifahren hilft da bestimmt! Irgendwann will ich es auch mal probieren… Das wird ein Spaß! (Für alle Zuschauer) 😀
      Dein Blog seh ich mir gerne an.

      Like

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