A & O

Eine Kurzgeschichte (2006)

„Wenn dich irgendjemand falsch ansieht, dir irgendetwas tun will, verdammte Scheiße, O, du hast mich noch nie aggressiv gesehen!“ A kommt mir näher beim Gehen, die Ärmel seines Polohemds berühren mich, die feinen Haare auf meinem Oberarm stellen sich auf. Dann entfernt er sich wieder ein Stück, sein Arm schwingt locker, er hält sich gerade. Hustet kurz, rümpft die Nase und sagt: „Diese Stadt ist nichts für mich, ich mag sie nicht. Ich denke, ich werde umziehen, nächste Woche, Montag vielleicht. Was meinst du, O?“

Mein Freund A und ich gehen durch die Straßen. Das ist anders, als wenn ihr durch die Straßen geht. Uns gehört diese Stadt.

„Ich kenne diese Welt“, sagt A. Wenn er spricht, dann zu einem Großteil von sich. Aber er schätzt mich. Ich bin eine der wenigen Personen, die er schätzt. „Ich bin anders“, sagt er, „du kannst das verstehen, O.“ Kann ich ihn wirklich verstehen? Ja, vielleicht kann ich das. Wir sind ein Paar, ein Team wie kein zweites. Wir sind zwei, doch eins.

„Zuerst kaufen wir etwas für die Nase. Es ist einfach, du wirst schon sehen, du wirst sehen, O.“ Er nennt mich immer bei meinem Namen, in jedem Satz, den er zu mir sagt. „Ach, Baby, Baby“, murmele ich. Betrunken, ein wenig verliebt.

Man glotzt uns an, sieht uns nach, wenn wir vorüber schreiten, eine Straße überqueren, im Stechschritt, gleichzeitig nach dem glatten kalten Eisen eines Geländers greifen. Kein Durchgang, für normale Leute. Wir schwingen uns unter ihm durch. Perfekt synchron. „Wie Mr. und Mrs. Smith“, sagt mein Freund und grinst. Blickt hoch, die Nase in der Luft, strafft die breiten Schultern, atmet den Duft der Stadt ein. Es ist Nacht. Schweiß bedeckt meine Haut. Mir ist kalt.

„Gehen wir zu schnell?“ fragt A und wirft mir einen Blick zu. Meine Absätze klappern im Stakkato, wir eine Schreibmaschine, mein Atem geht schnell. Wir sind Konkurrenten. „Nein, das ist okay“, sage ich und berühre ihn am Arm. Er zieht den Rauch seiner Zigarette ein, verharrt zwei Sekunden. Erst dann zuckt er zurück. Überquert eine weitere Straße, bestimmt den Weg. Das Geschäft erledigt er immer allein. „O, du wartest hier!“ bestimmt er und lässt mich auf einem dieser überfüllten Plätze zurück, Technomusik dröhnt aus den Bars, braungebrannte Männer bieten mir Feuer und mehr. Ich bleibe eiskalt, den Blick unruhig schweifend. Ich sorge mich um uns, um alles, was unsere Einheit gefährden könnte. Wir sind das A und das O. Wir sind zusammen. Doch ich weiß, dass uns alles trennen kann.

„Willst du einen Film sehen, O?“ fragt mein Freund, „ich könnte dir auch zeigen, wie ich Computer spiele oder warte, ich zeig dir was!“ Wir starren auf seinen Computer, die Wände um uns herum sind grellweiß, der nagelneue Bildschirm schimmert blau, Ein Säckchen mit weißem Pulver liegt vor uns. Rauch schwebt grau aus unseren Mündern, hoch zur Decke. A zeigt mir, was er heute verkauft hat, zeigt mir Diagramme und Kurven und redet und redet. Er ist ein Fondmanager. Mich interessiert nicht, was er spricht. Es ist nur schön, dass er spricht, seine Stimme ist rau, seine Augen fixieren den Bildschirm, fixieren meinen Blick als er fragt: „Verstehst du das, O, verstehst du das?“ Ich gebe mir Mühe, wirklich große Mühe.

Mein Freund A und ich schlafen miteinander. „Das ist es doch, was du wolltest, O!“ ruft er, als ich nackt und zitternd aus seinem Zimmer flüchte, einen Fuß vor den anderen setze, um nicht zu fallen über die verstreute Kleidung, um nicht zu straucheln vor Schwindelgefühl. „Denkst du wirklich, das ist, was ich wollte?“ flüstere ich. Ich darf nicht denken, darf nicht zurücksehen. Morgen ist wieder Nacht.

ipp

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