Wir müssen besonders sein

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Es gab in meinem Leben keinen ausschlaggebenden Moment, in dem ich erfuhr, dass ich nicht mehr die Zielgruppe bin. Der Prozess kam eher schleichend und zog sich über Jahre hin. Wahrscheinlich lässt sich am Anfang noch viel kaschieren. Ich sehe natürlich jünger aus, als ich bin.  Natürlich studierte ich länger, als ich sollte. Natürlich besuchte ich Clubs. Auch wenn diese Discos hießen, als ich mich vor vielen Jahren das erste Mal danach sehnte, zu den Erwachsenen zu gehören.  Heute sind Stars und Sportler jünger als ich. Politiker sind älter. Frauen sind Mütter oder machen Karriere. Cousinen bauen Häuser. Cousins ziehen aufs Land. Im Bildschirm spiegeln sich meine Stirnfalten. Ich habe immer noch nicht vorgesorgt. Vielleicht, weil ich mich schon lange sorge. Um dieses oder jenes. Konkreter? Es lohnt sich kaum das Formulieren, das In-Worte-Fassen, ob der Banalität. An manchen Tagen sorge ich mich ich mich um das Kleine. Nein, nicht um ein Kind, das wäre das Große. Das Kleine, das ist der verlegte Schlüssel, der unzuverlässige Mitbewohner, kein Sex, das schlechte Wetter. Das Große, das ist die abstrakte Zukunft. Der Sinn des Lebens. Der Weg und wohin er führt. Dabei hat die Zukunft mich bisher doch jedes Mal wieder überrascht. Meine Phantasie ist zu beschränkt, um sich die Nichtmöglichkeiten auszumalen

Manchmal frage ich mich, ob ich mich gehen lasse. Manchmal frag ich mich, ob ich mich nicht gehen lasse. Manche sind so schön angezogen. Ich trage bloß wieder irgendwas. Manchmal frage ich mich, ob ich mich verliere. Manchmal frage ich mich, ob ich mich jetzt erst finde.

Das Restaurant war früher ein Grieche. Heute hat es „griechische italienische Spezialitäte“. Wir müssen besonders sein, obwohl wir gleich sein müssen.

Es riecht nach Jauche, obwohl es nicht mal einen Grünstreifen gibt.

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8 thoughts on “Wir müssen besonders sein

  1. Hachja, diese Momente kenne ich auch…vor allem, wenn es mal wieder komplett ungewiss ist, wo ich in gar nicht mehr so ferner Zukunft überhaupt leben werde. Und ja, auch das mit dem schön angezogen kenne ich nur zu gut…und das, obwohl ich gerne über Mode blogge. Ha! Als ob ich immer Lust drauf hätte, mich super fertig zu machen, wenn ich nur zwei Stunden in der Uni sitze. Ich verstehe dich voll und ganz, sehr schöner Text!

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