Losing every day – II

Zu viel des Guten?

Zu viel des Guten?

Generation der Verlierer
Wir leben in einer Zeit, in der wir mehr denn je haben. Wir haben so viel, dass es zum Trend wird, weniger zu besitzen. Minimalismus kehrt ein in die Wohnungen der Generation 30+. Es wird aussortiert, entrümpelt, gespendet für den wohltätigen Zweck. Immer weniger 18-jährige wollen Führerschein machen. Wer braucht schon ein teures Auto, das die Umwelt verpestet? Aber natürlich wollen wir diejenigen sein, die bestimmen, von welchen Dingen wir weniger haben. Während wir uns bewusst entscheiden, von welchen Gütern wir uns trennen, haben wir Angst, dass uns andere genommen werden.

Es wurde bereits viel geschrieben zu dieser neuen Generation der Vernünftigen, die nicht rebelliert, sondern Bausparverträge abschließt. Die eine Pauschalreise mit Freunden dem waghalsigen Abenteuerurlaub vorzieht. Die von der Festanstellung träumt. Karriere? Ja, bitte! Aber in Teilzeit und ohne Risiko. Mit kurzem Arbeitsweg!

Ja, auch über die neue Generation der Ängstlichen wurde viel geschrieben. Arbeitslosigkeit, Krankheiten, Familien- und Lebensplanung, die unsichere Weltlage – all sie geben Anlass zur Sorge. Die Werte unserer Eltern und Großeltern, unsere Politiker und Vorgesetzten, sie passen nicht so recht zu dem Leben, das wir führen. Woran sollen wir uns halten? Tags lächeln wir tapfer, nachts schlafen wir schlecht.

Wie Sand durch die Finger
Wir sind die Generation mit den zahlreichen Chancen, die uns wie Sand durch die Finger gleiten. Unser Leben ist getaktet, weil es so sein muss. Wir sind organisiert und haben trotzdem immer das Gefühl, etwas vergessen zu haben. Und dann gibt es so vieles, das wir zurücklassen müssen…

Wir verlieren unsere Bezugspersonen.

Während manche Menschen uralt werden, ist es gerade unser Vater, der sterben musste. Dessen Krankheit die medizinische Wunderwelt nichts entgegenzusetzen hatte. Wir wissen, dass Partnerwechsel nichts Verwerfliches ist, quasi biologisch natürlich, und wünschen uns trotzdem, dass es hält. Dieses Mal die Richtige, dieses Mal der Wahre.

Wir verlieren unsere Freundeskreise.

Und das in Zeiten von Facebook und Co! Es gibt nun wirklich keinen Grund mehr, seine Freunde aus den Augen zu verlieren. Richtig. Deswegen lesen wir auch in regelmäßigen Abständen, was sie machen. Wir erhalten Updates und Rundmails, haben mehr Freunde denn je und wissen manchmal trotzdem nicht, wen wir anrufen sollen, wenn es uns schlecht geht. Wer beim Umzug mit anpackt. Es ist ja schon alles so lange her. Was haben wir uns noch zu sagen? Wann sollten wir das tun?

Wir verlieren unsere Wohnorte.

Wir wohnen dort, wo der Job ist. Da wo wir herkommen und da wo wir hinwollen, gibt es keinen für uns. Wir müssen umziehen, wenn wir etwas erreichen wollen. Die Wohnung ist ok, aber sie ist ja nicht für immer. Die Nachbarn nerven. Dabei haben wir noch nie ein Wort mit ihnen gewechselt. Wir wissen nach zwei Jahren in der neuen Stadt noch nicht, wo der nächste Badesee ist. Warum auch, wer weiß, wo es nächstes Jahr hingeht!

Wir verlieren Zeit für uns.

Müßiggang ist mit schlechtem Gewissen verbunden. Wir sind Zeitoptimierer. Auf dem Weg ins Fitnessstudio noch mal kurz Mails checken. Auf dieser Veranstaltung sind wir nicht nur Gäste, sondern auch Netzwerker. Fast zu spät gekommen, wie immer abgehetzt. Stress ist unser Dauerzustand. Die Freizeit verpflichtet uns zur sofortigen Entspannung. Wir wissen nicht mehr, was Langeweile ist.

Wir verlieren die Sicherheit.

Was passiert in Russland? Was passiert in Griechenland? In Syrien ist Krieg. Was ist mit den Banken? Dort haben wir doch unser Geld? Warum haben sie es nicht mehr? Sollen wir für die Rente einzahlen? Oder doch Goldbarren vergraben? Ist das Abendland tatsächlich christlich? Wir gehen doch gar nicht in die Kirche. Wen sollen wir wählen? Wir hören nur Drohungen und Schweigen. Auf was sollen wir bauen? Wem sollen wir vertrauen?

Wir haben so viel zu verlieren
Vor 50 Jahren wollten junge Menschen raus in die Welt. Neue Horizonte entdecken, Menschen kennenlernen, sich sexuell ausprobieren. Heute müssen wir raus in die Welt. Horizonte, Menschen, Sex gehören zum Pflichtprogramm. Wir ignorieren den Druck und betonen, was wir dabei alles gewinnen werden. Wissen, Erfahrung, Geld. Mehr denken wir nicht nach.

Manchmal wird uns alles zu viel. Wir bekommen kleine und größere Krankheiten. Spüren eine Leere, die sich mit nichts erklären lässt. Die Angst wird übermächtig. Was hat noch Bestand in diesem Leben? Nur noch Omas Kartoffelbrei. Alles ist im Wandel? Nein, alles bröckelt! Wir gehen durch die endlosen Regale des Supermarktes ohne Korb und Wagen, brauchen noch dringend zwei Tüten Milch, obwohl uns die Eier bereits aus den Fingern rutschen.

Wir wurden geboren und hatten alles. Wir können nur verlieren.

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8 thoughts on “Losing every day – II

  1. Toller Text! Sehr ehrlich und fasst gut in Worte, wovon ich mich alt unser mehr angekehrt habe. Nun weiß ich endlich, wie ich positiv sagen kann, warum ich facebook nicht nutze. 😉
    Nach deinem Text kann ich stolz behaupten: ich bin kein Mitglied der Generation 30+ 🙂

    Liked by 2 people

    • Das ist gut! 😀 Ich weiß nicht, inwiefern ich es bin… Wahrscheinlich total. Das, wovon man sich distanzieren will, hat ja immer viel mit einem selbst zu tun. Danke! 🙂

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