Die Pappe

Ansichtssache

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Sie war schon immer chaotisch gewesen. Doch dieses Mal taumelte ich fast zurück, als ich ihr Zimmer betrat. Ein modriger Geruch stieg beißend in meine Nase. Alter Käse, feuchte Erde, fauliges Obst. Für einen kurzen Augenblick überlegte ich, auf dem Absatz kehrt zu machen. Die fünf Treppen wieder herunter zu gehen. Die Tür vorsichtig, aber bestimmt hinter mir zuzuziehen und den Schlüssel in den Briefkasten zu stecken. In meinen Kleinwagen zu steigen. Vielleicht vor Aufregung zu vergessen, mich anzuschnallen und dann von der Elektronik des Fords daran erinnert zu werden. Den Blinker zu setzen, loszufahren, die Stimme meines Mannes im Ohr: „Sie ist erwachsen. Misch dich nicht ein.“
Stattdessen atmete ich aus, krempelte die Ärmel hoch und legte los. Zuerst öffnete ich die Fenster. Draußen nieselte es fein, aber es wehte nicht. Die Topfpflanze auf der Fensterbank machte einen jämmerlichen Eindruck. Als ich sie zum Waschbecken trug, um sie zu gießen, fiel mir das ausgeblichene Schleifenband auf, das um das zarte Stämmchen gewickelt war. Ein Pappanhänger verriet, was ich vergessen hatte: Alles Gute zum Geburtstag, Mama. Die Pflanze war ein Geschenk von mir. Ich wässerte sie und stellte sie zurück auf die Fensterbank. Dann begann ich mit der Arbeit.
Wie immer hatte ich eine Rolle Müllsäcke dabei, in der Mitte des Raumes platzierte ich drei von ihnen und begann den Müll, der Böden, Schränke und Regalbretter bedeckte, systematisch in die Säcke zu sortierten. Es dauerte den ganzen Vormittag. Gegen 14 Uhr war ich fast fertig und am Ende meiner Kräfte. Das Stechen in der Schulter war kaum zu ignorieren. Langsam fuhr ich mit einem feuchten Lappen über den Tisch, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde.
„Was machst du hier?“
Ihre Augen waren die blaue Murmeln, rund und ausdruckslos. Ihre Stimme so kalt, dass mir ein Schauer über den Rücken lief.
„Das Gleiche könnte ich dich fragen. Du solltest in der Klinik sein. Aber hallo erstmal!“
Meine Stimme klang heiser und als ich auf sie zuging um sie zu umarmen, war sie steif wie ein Brett.
„Setz dich doch, ich habe ein wenig Ordnung gemacht und die Heizung angestellt. Wenn du wiederkommst, musst du nicht in dieses kalte, schmutzige Loch…“
Ich traute mich kaum, sie anzusehen, doch sie schien einverstanden zu sein. Sie nickte. Setzte sich auf einen Stuhl. Fuhr mit ihrer dürren, roten Hand über die glatte Tischplatte, die ich gerade gewischt hatte. Ich atmete auf und begann, die Müllsäcke zu verknoten.
„Wollen wir vielleicht etwas einkaufen gehen? Dein Kühlschrank ist…“
Mehr konnte ich nicht sagen, denn mit einem Satz war sie aufgesprungen und packte mich hart bei den Schultern.
„Wo ist die Pappe?“ schrie sie mich an.
Speicheltropfen landeten in meinem Gesicht, Fingernägel krallten sich in mein Fleisch und Angst fuhr wie ein Messer in meine Brust.
„Welche Pappe? Lass mich los, du tust mir weh!“
„Wo ist die Pappe???“
Sie schüttelte mich. Ich war viel zu erschrocken, um mich zu wehren. Dann stieß sie mich zu Boden. Ich landete auf einem Müllsack, der meinen Fall dämpfte. Schmerzhaft war es trotzdem. Ich schrie auf. Ein kümmerlicher, hoher Schrei kam aus meiner Kehle, der mir seltsam fremd vorkam. War das wirklich ich, die da geschrien hatte?
Als ich hastig meine sieben Sachen zusammenraffte und die Wohnung verließ, war meine Tochter bereits dabei, die Plastiksäcke auszuschütten und im Müll herumzuwühlen. Auf der Suche nach der Pappe.
Ich weinte nicht, als ich die Treppe herunter ging.

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4 thoughts on “Die Pappe

  1. Deine Geschichte hat mich so betroffen gemacht, als ich sie das erste Mal gelesen hatte, dass ich nicht kommentiert habe. Ich finde sie genial, man denkt, sie ändert anders. Und dann trifft es mit voller Kraft!

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