Ich und die alten, weißen Herren

Einmal saß ich mit einer Gruppe alter, weißer Herren* an einem Holztisch im Freien und trank Kaffee. Uns verband nichts als das Warten.

Es ist ein strahlender Sonnentag im Frühjahr und ich wende mein Gesicht und meine Arme der Sonne entgegen, um sie so gut es irgend möglich ist, auszukosten. Der Kaffee ist schwarz und leicht bitter, so wie ich ihn mag. “Milch?” frage ich. “Und Zucker”, antwortet ein alter, weißer Herr. Oder ist es ein anderer? Einerlei.
Wenn man schon an einem Tisch sitzt und wartet, muss man sich auch unterhalten. Das gebietet die Höflichkeit. Daher sagt der eine alte, weiße Herr: “Der Herr A. ist ein Großer in der Branche.” Er deutet auf den alten, weißen Herren neben mir. Dieser fletscht die Zähne und starrt mich an. Ich lächele. Das gebietet die Höflichkeit. “Ich hab schon ganz andere Sachen gemacht. Das ist ja nichts hier!” Mit einer Handbewegung zeigt er auf alles. “Ja, das waren noch Zeiten!” sagt ein weiterer alter, weißer Herr und zündet sich eine Zigarette an. “Ich bin ja eigentlich schon in Rente”, sagt der erste Herr und klatscht sich mit der Hand auf den Oberschenkel, “aber jetzt ist die Zeit, da kann man Geschäfte machen. Es boomt, sag ich, es boomt.” Irgendwo zwitschert ein Vogel. “Also ich trete jetzt kürzer, nicht mehr 80 Stunden sondern 60.” Die alten, weißen Herren prusten, lachen, klopfen sich auf die Schenkel. Sie zwinkern und nicken sich zu. “Oh”, sage ich. Die Höflichkeit? “Meine Frau arbeitet jetzt auch weniger”, ruft ein anderer alter, weißer Herr, “statt acht noch vier Stunden!” Die Herren husten und keuchen vor Vergnügen, geben einander Feuer, zünden weitere Zigaretten an. “Mmh”, brumme ich. Höflichkeit.
“Meine Frau ist auch 10 Jahre jünger als ich”, sagt ein weißer, alter Herr und grinst in die Runde. “Jaaa!” rufen die anderen alten, weißen Herren und dann überschlagen sie sich förmlich. “Meine Frau ist auch 10 Jahre jünger als ich!” “Meine Frau ist 20 Jahre jünger als ich!” “Mein Mann ist auch jünger als ich”, denke ich und schäme mich. Wir schweigen. “Noch Kaffee?” frage ich. Höflich. Zwei alte, weiße Herren knurren. Ein dritter sagt: “Einer geht noch!”
“In Deutschland”, sagt ein alter, weißer Herr, “da kann man keine guten Geschäfte mehr machen.” “Ja, da musst du schon nach Tschechien gehen”, pflichtet ihm der nächste bei. “In Deutschland”, brüllt der dritte, “da zählt die Eule mehr als der Unternehmer!” “Ja, da zahlst du dich dumm und dämlich wegen den Naturschützern,” ätzt der dritte. “Weißt du, was hilft gegen die Eule? Abknallen!” ruft der erste alte, weiße Herr in die Runde, dass ihm der Speichel aus dem Mund fliegt. Dann sieht er mich an und grinst. Ich stehe auf und gehe zur Toilette.
Es ist ein strahlender Sonnentag im Frühjahr und die Bäume sind von zartem Grün überzogen.
Irgendwann hat diese Geschichte ein Ende.
*alter, weißer Herr, der: eine Person, die sich über 3 Dinge definiert. Alt sein im Sinne von Erfahren sein, Weiß sein im Sinne von einen undefinierten Hautton haben, der sie vermeintlich zu einer Gruppe zugehörig macht, Herr sein im Sinne von Herrscher sein.
**Höflichkeit, die: Verhalten, das Menschen an den Tag legen, um die Weltordnung zu manifestieren.

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