Kaffeeliebe

An trüben Morgen, die Kleidung hastig übergeworfen, die Haare energisch gebürstet, auf dem Rad über rote Ampeln gehetzt, die Tür zum Büro rumpelnd aufgestoßen, die Tasche in die Ecke gepfeffert, bist du mein erster Moment der Ruhe.

Am Bahnhof mit dem Rücken zum Geländer, fröstelnd im eisigen Nordwind, fast verbrannte Handflächen, die sich abwechselnd tief in die Manteltaschen graben, ein Schauer, der vibrierend durch den Körper fährt, du bist mein Vertrauter, mein treuer Begleiter.

Wenn wir lachen, lästern, labern, laut und leise, sarkastisch, ironisch und immer wieder voller Begeisterung, weinen, uns Taschentücher reichen in plüschigen Hipstersesseln versinken, bist du in unserem Bunde der Dritte.

Und wieder sind alle zusammen gekommen um sie zu feiern, eine Alltagskultur aus Brötchen mit Marmelade und Knuspermüsli, Butterkuchen und Käse-Sahne-Schnitten, Obstplundern und Nussecken, mit Milch und Zucker, dein Geruch ist meine Kindheit, meine Jugend, mein Versuch eines Erwachsenseins.

Kaffee.

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Frieden

Die Ruhe, Betrachte der Langsamkeit zu sein und nicht weitergehen zu müssen, ist ein Privileg, das mit nichts zu bezahlen ist.

Das Glück, dies zu wissen, ist ein Privileg, das ich mir hart erarbeiten muss.

Jeden Tag aufs Neue.

Brombeerglück

Rotblauverschmiert im Sonnenschein. Schwarze, süße Früchte im stacheligen Busch, die dort wachsen für sich selbst. Am prächtigsten dort, wo sie niemand erreichen kann. Welche Wonne, sie zu sehen und zu wissen, dass man sie niemals essen wird. Die Sehnsucht bleibt. Die besten Dinge im Leben kosten kein Geld, nur ein paar Dornen im Zeigefinger. Dieses Jahr zum letzten Mal auf der Wiese vor Dornröschens Schloss. Nächstes Jahr gibt es Reihenhäuser. Vielleicht pflanzt ja jemand einen Brombeerstrauch in seinen Garten.

Geteilter Schmerz

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Wenn der Schmerz kommt, war oft die Anspannung zu groß. Dann nimmt er sich, was er braucht: die ungeteilte Aufmerksamkeit. Viele Fragen haben nur noch eine Antwort: er soll wieder aufhören.

Warum ist sie auch so sensibel? Immer hat sie etwas. Die eine Krankheit reicht der anderen die Hand. Wo gestern noch der Kopf schmerzte, ist das dumpfe Gefühl beim Vorbeugen verschwunden als hätte es nie existiert. Stattdessen ist es wieder der Rücken, der nur darauf wartet, vom Unterleib abgelöst zu werden. Wo bist du mit deinen Gedanken, Sophia? Vielleicht schon beim Arzt? Oder noch bei Google, Begriffe optimierend, die das Leid nicht lindern, doch wenigstens benennen können. Wenn schon Schmerz, dann wenigstens konkret. So kann sie sich dann darüber austauschen, das passende Produkt konsumieren und heilen.

Wenn der Schmerz geht, bemerkt sie es oft nicht. Es will sich Freude einstellen, doch sie weiß nicht wann. Der Schmerz öffnet die Tür, wenn er geht. Nicht ins Paradies.

Eine Wärmflasche könnte helfen. Und ein paar warme Worte.

Bald ist Nacht

Es ist Bremer Sommer. Ich tauche mit dem Kopf ein in eisiges Wasser. Beginne sofort zu schwimmen. Ich schwimme schnell, ich schwimme gut. Entferne mich vom Ufer. Das Kreischen wird leiser. Die gleichmäßigen Schwimmbewegungen vertreiben die Kälte aus meinem Körper. Es ist eine Idylle, es ist pures Glück, ich zu sein. Frei zu haben. Frei zu sein. Unter den Blicken der DLRG. Niemand soll ertrinken. Aber was kann mir schon passieren? Ich schwimme seit ich denken kann. Freiwillig. Ich lasse mich treiben und denke daran, dass in Malta der Kapitän eines Schiffes vor Gericht steht, weil er Menschen vor dem Ertrinken gerettet hat. Innerhalb Europas stünde er vor Gericht, wenn er es nicht getan hätte. Hier scheint die Sonne und ich schwimme weiter. Weil ich es kann. Bald wird es dunkel. In Europa beginnt die Nacht.

Gedichte dürfen alles – Eine Liebeserklärung

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Warum liebe ich Gedichte?
Mehr schreiben als lesen,
mehr aufsagen als lernen?

Gedichte sind freier als der Wind, der oft nur aus einer Richtung blasen kann. Sie kennen Grammatik, doch sie brauchen Sie nicht. Sie sprechen unsere Sprache, doch auch viele andere. Jede Zeile ist eine neue Entscheidung, der Beginn von etwas ganz Großem oder belanglos klein. Vornehm oder rotzig kommen Sie daher.

„Darf ich Sie bitten, völlig losgelöst herauszulassen, was Ihre Gedankenwelt sprengt?“

„Schreib, du Arschloch, schreib die Strukturen ein! Schreib die Gesellschaft klein! Frei musst du sein!“

Das Gedicht als Form für die Spinner sich zu verwirklichen und der großen, ganzen Weltorganisation nicht auf den Sack zu gehen. Fäkalsprache oder Schönschrift, alles gratis. Wählen Sie ihre Gefühle aus einem reichen Angebot.
Gezähmter Mensch aus dem Land der tausend Gesetze braucht eine Erlaubnis, um frei zu sein.

Doch als eine von ihnen, den Irren und Wirren, die sich an dem, das da ist abarbeiten, bis sie erschöpft zusammenbrechen, kann ich nur jauchzen und frohlocken, wenn ich reime und schreibe und weine, zusammensetze und tausche, von oben nach unten, von rechts nach links:

Dichten muss ich,
Dichten,
Ich brauche keine Geschichten
Ich brauche keine Worte,
Keine Orte, keine Zeit,
Ein neuer Stift,
Kein neues Kleid
Egal, was kommt
Ich bin bereit
Frei
Wofür
Alles
A B c
1 2 3
🙂

Gedichte dürfen alles?
Gedichte können alles!
Darum liebe ich sie.