Nicht so gründlich

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Irgendwo in Deutschland sitzt eine Frau auf dem Balkon. Ihr blauer Plastikstuhl hat weiße Dehnungsstreifen, wenn sie ihren Fuß gegen die grün angelaufene Brüstung drückt. Ihr unbeteiligter Blick wandert über die verwelkenden Blumen, die einer Reihe von Unkräutern Platz gemacht haben. Wo Frühlingsblumen verblühen, strecken sich Gräser gen Himmel. Ihr sezierender Blick wandert weiter zu ihrem großen Zeh, der nicht gepflegt wie in der Werbung sondern als schrumpeliger, meist unbeachteter Körperteil mit grauen Flecken von ihrem Fuß absteht. Gerade hatte er sich noch mit seinen Nachbarn durch den Dreck bewegt. Rhythmisch abrollend in der Symphonie eines gesundes Fußes. Dirigiert von einer mittelmäßigen Dirigentin. Der Körper, ein gespieltes Lied. Jetzt auf einem Balkon.

Auf dem Boden liegt Dreck. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten zeigt sich eine Mischung aus Staub, Zigarettenasche, toten Fliegen und den verwelkenden Blüten vergangener Jahre. Sie ist keine unordentliche Frau, finde ich. Sie hat immer wieder mal gefegt. Nur eben nicht so gründlich.

Sind tote Fliegen ekelig?

Die Sonne lässt noch auf sich warten. Vielleicht wird sie den Balkon nie erreichen, weil er dem Schatten der umliegenden Häuser verpflichtet ist. Vielleicht gibt es nachher einen Lichtreflex wie ein Schwert, der sich in den Fenstern bricht und der Frau geradewegs ins Gesicht scheint. Falls sie dann noch auf dem Balkon sitzt. Ich persönlich glaube es nicht. Diese Frau hat nicht so viel Geduld.

In V.

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Ich bin in V. Das ist reiner Zufall. Ich bin hier gelandet, weil ich einfach rumgefahren bin. Ich habe einen Weg gesucht, in den ich hineinfahren kann. Einen Weg, der an den Seiten grün und an seinem Ende einsam ist. Und dann bin ich hier gelandet. In V.
Ich sitze auf einer Bank mit einem kleinen, verwitterten Messingschild. „Freiwillige Feuerwehr 2008“ steht darauf. Sie ist mit Vogelscheiße verschmiert, die Freiwillige Feuerwehr. Aber die Bank ist gut und stabil, aus dickem Holz, verwittert, aber nicht bezwungen von der Zeit.
Ich bin nicht die Erste, die hier sitzt. Zigarettenstummel liegen am Boden, hier hat schon jemand geraucht, so wie ich jetzt, die hier sitzt und ihre letzte Zigarette raucht.
Das Leben ist eine Verkettung von Zufällen. Es passieren ständig irgendwelche Dinge, die keinen Sinn ergeben. Ich denke, das ist das Schwierigste für die Menschen. Sie suchen alle permanent nach einem Sinn, einer Antwort, nach Göttern, irdischen und überirdischen, und finden sie nicht. Das, was passiert, hat keinen Sinn. Wir bewegen uns und denken, wir können beeinflussen, welchen Weg wir gehen. Wir versuchen alles oder nichts und wissen nie, was daraus wird. Nennt man es Tragödie? Nennt man es Komödie? Beide Begriffe haben ihre Berechtigung. Ist es der Betrachter, der die Antwort bestimmt? Oder ist es der Moment, der den Betrachter bestimmt?
Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass ich jetzt hier auf dieser Bank sitze. Zufällig. Die letzte Zigarette ist bis zum Filter heruntergebrannt. Ich drücke sie aus. Neben ihren… Freunden. Über die Ameisen krabbeln. Ich werde wieder weiterfahren. Weg aus V. Völlig sinnlos. Beruhigt mich das? Gerade nicht.

Hintertür 

Ich machte mich gestern auf zu einem sehr deutschen und korrekten Ort um meiner Bürgerpflicht nachzugehen. Es hatte geregnet, doch wurde langsam heller und ich hatte unter einem Vordach des ehrwürdigen Gebäudes Platz gefunden. Während ich noch telefonierte beäugte mich ein Pförtner, doch ich ließ mich nicht von meinem trockenen Fleck vertreiben, verschwand tiefer in meiner Kaputze. Als ich schließlich die Eingangstür öffnete, war er verschwunden und ich befand mich allein in einem Vorraum. Altes Holz drängte sich von rechts und links auf, Informationsmaterial war nicht vorhanden. Ich wartete ein Weilchen. Dann betätigte ich die schwere hölzerne Drehtür und stand in einem verlassenen Raum vor einer Wendeltreppe. Durch alte Glasfenster im Turm konnte ich auf den Innenhof sehen. Licht fiel herein und zeichnete goldene Muster. Magisch aus einer anderen Zeit.

Ja, ich wusste schon früh, dass ich falsch gegangen war. Dass dieses nicht der Eingang zur Behörde sein konnte. Aber ich trat trotzdem ein. Blieb stehen und starrte die Treppe an. Widerstand der Verlockung, die Stufen zu erklimmen. Eine Person kam und führte mich durch lange Gänge und Türen dorthin, wo ich hingehörte. Zu den anderen Bürgern.

Das Leben bringt einen meistens zurück auf die Schienen. Dabei sind wir gar keine Züge.

Mit anderen Augen gesehen

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„Ey, Mann, jetzt lass doch mal den Quatsch, du bist echt ein Kleinkind! Die Frau hinter dir hat schon Angst!“ Ein hübsches Mädchen im Bikini mit weißen Zähnen und dunklen Locken weist einen dunkelhaarigen Hünen mit einem Kreuz wie Herkules zurecht, der wie ein plumper Elefant durch das Wasser des Schwimmerbeckens pflügt und dabei eine Wasserfontäne an die Decke schießt. Sie sind ein schönes Paar wie sie schon eine Weile durch das Becken tollen, Ballspielen, sich jagen und sich gegenseitig ins Wasser werfen. Immer abgemildert durch ihre mahnenden Worte. Ihre Sprache ist derb, ohne plump zu wirken. Sie kann sich ausdrücken und sie weiß es mit all dem Selbstbewusstsein eines Kindes, das sich sowohl auf der Straße als auch in der Schule zu behaupten weiß. Er wirkt wie ein riesiger Teddybär und neben all der aufgesetzten Coolness, die er noch eben an den Tag legte, als ich abgedrifteten Wasserball aus meiner Schwimmbahn zu ihm zurück beförderte, gibt es nur eine Person in der Schwimmhalle, die ihn interessiert. Sie ist seine Traumfrau, er himmelt sie an. Wirft sich immer wieder wie ein Walross mit ungelenken Sprüngen neben ihr ins Nass, einzig und allein um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Wenn sie ihn spielerisch spöttisch ermahnt, glänzen seine Augen und er lacht idiotisch. Jetzt dreht er sich überrascht um und ich mich fast mit bis ich begreife. Die Frau, die Angst hat, bin ich. Während ich versöhnlich grinse und weiter meine Bahnen schwimme, denke ich an die beiden und verstehe, dass ich einer anderen Generation angehöre. Ich bin eine Frau.
Angst habe ich aber nicht.

Aufdringliche Gleichnisse 

Ein Blick in die Natur drängt einfache Lösungen auf. Besonders im Frühling sieht man schwarz oder weiß, rosa oder lila. Ich spaziere und spaziere, sehe aber doch nicht hervor hinter meinem Schleier. Ich bin den Farben nicht böse, sie können ja nichts dafür, dass sie mir Eindeutigkeit vermitteln wo keine ist. Hinter den Wolken Sonnenschein. Hinter dem Schleier ich. 

Ich! Wer kann das schon sein!

Sie isst noch ein Stück

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Die vielen Angriffe hält sie nicht gut aus. Sie bringen sie raus. Sie lernt nicht dazu. Wenn andere einen Haken schlagen, einen Purzelbaum machen, die Rechte und die Linke schwingen, sieht sie hin und öffnet ihre Arme.

Alle bieten ihr eine Zigarette an und sie nimmt eine.

Alle bieten ihr ein Stück Pizza an und sie nimmt eines.

Alle wollen verstanden werden und sie versteht.

Wirklich alles. Wirklich alle.

Wenn sie beginnt zu schreiben, hört sie bald wieder auf. Es ist so leicht in wenigen Worten zu sagen, was sie gar nicht im Kopf hat. Gar nicht, ein schöner Ausdruck für was mehr als nicht ist. Sie weiß, was sie könnte. Aber sie macht es gar nicht.

Da geht sie hin, die Bäckertüte in der Hand. Der Regen kommt von vorne. In einem Schwall. Die Hand ist rot. Die Fingernägel sind zu lang. Die Schritte unstet, da stolpert sie. Fällt fast hin. Aber hält sich, sieht auf und grinst.

In der Wüste

Ich bin in der Wüste des Wartens am Anfang meines Weges. Der Sand knirscht zwischen meinen Zähnen, wenn ich kaue. Wenn ich mir die Lippen lecke, rollen die Körnchen meine Zunge herunter. Das Kratzen der Steinchen, die an meinem Gaumen kleben bleiben als Knistern mit salzigem Geschmack. Das Wasser ist in Sicht, doch bleibt Illusion. Meine Wüste ist der Weg, der sich nicht zeigt in meiner eindeutigen Welt. Das Salz ist mir doch so wichtig wie die Suppe.

Was ist das?

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Zuhause

“Sieh mal”, sage ich und zeige dir ein Foto.
“Wo ist das?” fragst du.
“Das ist doch zu Hause!” sage ich verwundert.
“Ach so”, sagst du.

Das Fremde ist uns ganz nah. Wir müssen nur die Augen öffnen. Den Blickwinkel ändern. Dann sehen wir, dass wir auch das Eigene nie begreifen werden. So sehr wir es auch ergründen, es kann uns immer wieder irritieren. Vielleicht fürchten wir uns deswegen vor dem Anderen?

Eine Liebesgeschichte

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In einer Liebesgeschichte

Dies ist eine Liebesgeschichte. Ich brauche sie nicht zu erzählen, da alle Liebesgeschichten gleich sind. Aber wie lange dauert eine Liebesgeschichte? Bis die Liebe endet? Bis dass der Tod die Liebenden scheidet? Bis über den Tod hinaus? Bis in alle Ewigkeit?

Eine Liebesgeschichte dauert von einer Sekunde bis zu ein paar Stunden. Dann kann eine neue beginnen. Oder nicht. Ich spüre eure zweifelnden Blicke. Der Widerspruch bleibt aus. Schade. Vielleicht seid ihr nicht mehr fünfzehn Jahre alt. Fünfzehn. Ein Alter, in dem noch alles möglich war. Auch die ewige Liebe.

Eine ist vielleicht fünfundzwanzig und hat ihren zweiten Freund. Womöglich würde sie sagen, er sei ihre zweite Liebesgeschichte. Ich möchte sie an den Moment erinnern, als sie ihn zum ersten Mal zum Teufel wünschte, weil er sie versetzt hat und sie allein, gedemütigt zur Abschlussfeier ihres Bruders ging. Als sie zwei Tage nicht miteinander sprachen. Und dann, an einem Mittwoch, stand er vor ihrer Tür. Ohne Blumen, denn dies ist kein Hollywoodfilm, sondern eine Liebesgeschichte. Ihre Liebesgeschichte. Mindestens die dritte. Ein anderer ist achtundvierzig und weiß, sie ist immer noch die Frau, mit der er zusammen sein möchte. Bald sind es zwanzig Jahre. Er findet sie noch wahnsinnig attraktiv. Meistens. Mit ihren Hobbys kann er auch leben. Inzwischen. Hoffentlich ein Leben lang. Jeden Tag neu.

Manche Menschen sind süchtig nach Liebesgeschichten. Sie wollen sie immer und immer wieder erleben, immer wieder erzählen. Sie lauern ihnen auf und stürzen sich drauf. Sie werfen sich rein und lassen sich ein. Für einen langen Moment. Wie lange er dauert, wollen sie nicht wissen. Was danach kommt, haben sie vergessen. Was sind das bloß für Menschen? Sie sind unter uns.

Aber so die Liebe nicht, höre ich euch rufen. Laut und empört. Die Liebe ist sturmerprobt, kennt Licht und Schatten, ist leicht wie eine Feder, zäh wie eine Schuhsohle!
Vielleicht habt ihr Recht. Doch was weiß ich von der Liebe?
Dies ist nur eine Liebesgeschichte.

Er frittiert

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Und eine Welt entsteht

Er frittiert.
Möchtest du Kartoffelrösti, fragt mein Schatz.
Er sagt natürlich nicht Kartoffelrösti. Er sagt Pommes.
Zwei, sage ich. Gehe ins Schlafzimmer. Lege dort Wäsche zusammen. Schneller, schneller. Lege die Sachen in den Schrank. Bin nicht akkurat.
In der Küche knistert und knackt es.
Pommes sind fertig, sagt mein Schatz.
Ich fege den Staub unter das Bett.
Kommst du essen?
Wir sind Zeitreisende zwischen den Welten.