Aufdringliche Gleichnisse 

Ein Blick in die Natur drängt einfache Lösungen auf. Besonders im Frühling sieht man schwarz oder weiß, rosa oder lila. Ich spaziere und spaziere, sehe aber doch nicht hervor hinter meinem Schleier. Ich bin den Farben nicht böse, sie können ja nichts dafür, dass sie mir Eindeutigkeit vermitteln wo keine ist. Hinter den Wolken Sonnenschein. Hinter dem Schleier ich. 

Ich! Wer kann das schon sein!

Sie isst noch ein Stück

ipp

Die vielen Angriffe hält sie nicht gut aus. Sie bringen sie raus. Sie lernt nicht dazu. Wenn andere einen Haken schlagen, einen Purzelbaum machen, die Rechte und die Linke schwingen, sieht sie hin und öffnet ihre Arme.

Alle bieten ihr eine Zigarette an und sie nimmt eine.

Alle bieten ihr ein Stück Pizza an und sie nimmt eines.

Alle wollen verstanden werden und sie versteht.

Wirklich alles. Wirklich alle.

Wenn sie beginnt zu schreiben, hört sie bald wieder auf. Es ist so leicht in wenigen Worten zu sagen, was sie gar nicht im Kopf hat. Gar nicht, ein schöner Ausdruck für was mehr als nicht ist. Sie weiß, was sie könnte. Aber sie macht es gar nicht.

Da geht sie hin, die Bäckertüte in der Hand. Der Regen kommt von vorne. In einem Schwall. Die Hand ist rot. Die Fingernägel sind zu lang. Die Schritte unstet, da stolpert sie. Fällt fast hin. Aber hält sich, sieht auf und grinst.

In der Wüste

Ich bin in der Wüste des Wartens am Anfang meines Weges. Der Sand knirscht zwischen meinen Zähnen, wenn ich kaue. Wenn ich mir die Lippen lecke, rollen die Körnchen meine Zunge herunter. Das Kratzen der Steinchen, die an meinem Gaumen kleben bleiben als Knistern mit salzigem Geschmack. Das Wasser ist in Sicht, doch bleibt Illusion. Meine Wüste ist der Weg, der sich nicht zeigt in meiner eindeutigen Welt. Das Salz ist mir doch so wichtig wie die Suppe.

Was ist das?

ipp

Zuhause

“Sieh mal”, sage ich und zeige dir ein Foto.
“Wo ist das?” fragst du.
“Das ist doch zu Hause!” sage ich verwundert.
“Ach so”, sagst du.

Das Fremde ist uns ganz nah. Wir müssen nur die Augen öffnen. Den Blickwinkel ändern. Dann sehen wir, dass wir auch das Eigene nie begreifen werden. So sehr wir es auch ergründen, es kann uns immer wieder irritieren. Vielleicht fürchten wir uns deswegen vor dem Anderen?

Eine Liebesgeschichte

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In einer Liebesgeschichte

Dies ist eine Liebesgeschichte. Ich brauche sie nicht zu erzählen, da alle Liebesgeschichten gleich sind. Aber wie lange dauert eine Liebesgeschichte? Bis die Liebe endet? Bis dass der Tod die Liebenden scheidet? Bis über den Tod hinaus? Bis in alle Ewigkeit?

Eine Liebesgeschichte dauert von einer Sekunde bis zu ein paar Stunden. Dann kann eine neue beginnen. Oder nicht. Ich spüre eure zweifelnden Blicke. Der Widerspruch bleibt aus. Schade. Vielleicht seid ihr nicht mehr fünfzehn Jahre alt. Fünfzehn. Ein Alter, in dem noch alles möglich war. Auch die ewige Liebe.

Eine ist vielleicht fünfundzwanzig und hat ihren zweiten Freund. Womöglich würde sie sagen, er sei ihre zweite Liebesgeschichte. Ich möchte sie an den Moment erinnern, als sie ihn zum ersten Mal zum Teufel wünschte, weil er sie versetzt hat und sie allein, gedemütigt zur Abschlussfeier ihres Bruders ging. Als sie zwei Tage nicht miteinander sprachen. Und dann, an einem Mittwoch, stand er vor ihrer Tür. Ohne Blumen, denn dies ist kein Hollywoodfilm, sondern eine Liebesgeschichte. Ihre Liebesgeschichte. Mindestens die dritte. Ein anderer ist achtundvierzig und weiß, sie ist immer noch die Frau, mit der er zusammen sein möchte. Bald sind es zwanzig Jahre. Er findet sie noch wahnsinnig attraktiv. Meistens. Mit ihren Hobbys kann er auch leben. Inzwischen. Hoffentlich ein Leben lang. Jeden Tag neu.

Manche Menschen sind süchtig nach Liebesgeschichten. Sie wollen sie immer und immer wieder erleben, immer wieder erzählen. Sie lauern ihnen auf und stürzen sich drauf. Sie werfen sich rein und lassen sich ein. Für einen langen Moment. Wie lange er dauert, wollen sie nicht wissen. Was danach kommt, haben sie vergessen. Was sind das bloß für Menschen? Sie sind unter uns.

Aber so die Liebe nicht, höre ich euch rufen. Laut und empört. Die Liebe ist sturmerprobt, kennt Licht und Schatten, ist leicht wie eine Feder, zäh wie eine Schuhsohle!
Vielleicht habt ihr Recht. Doch was weiß ich von der Liebe?
Dies ist nur eine Liebesgeschichte.

Er frittiert

ipp

Und eine Welt entsteht

Er frittiert.
Möchtest du Kartoffelrösti, fragt mein Schatz.
Er sagt natürlich nicht Kartoffelrösti. Er sagt Pommes.
Zwei, sage ich. Gehe ins Schlafzimmer. Lege dort Wäsche zusammen. Schneller, schneller. Lege die Sachen in den Schrank. Bin nicht akkurat.
In der Küche knistert und knackt es.
Pommes sind fertig, sagt mein Schatz.
Ich fege den Staub unter das Bett.
Kommst du essen?
Wir sind Zeitreisende zwischen den Welten.

Mann, bist du emotional

ipp

Far from victory

Da stehst du vor mir und fuchtelst mit den Händen. Willst gesehen werden. Jetzt. Sofort.

Du bist nicht zu übersehen. Wenn du lachst, nimmst du den Raum ein. Wenn du weinst, gibt keiner einen Laut von sich. Alle sehen betreten zur Seite.

Was hat er denn jetzt schon wieder, fragt ein Kollege genervt.

Keine Ahnung, sage ich seufzend. Dabei kennen wir die Antwort.

Aufmerksamkeit heißt sie.

Und die holst du dir. Egal wie! Ob mit klimpernder Gitarre oder poetischen Worten, kullernden Tränen oder geballten Fäusten. Ob mit erschlagender Präsenz oder lärmender Abwesenheit.

Deine Emotionen sind manchen befremdlich. Mir befremdlich nah.

 

 

 

 

Camino del Sol!

Camino del sol

Camino del sol

Ich schlug die Augen auf und war verliebt. Genauso verliebt wie gestern. Neben mir war alles wie gestern. Heute war gestern! Gestern war heute! Play! Und die ersten Töne! Der Beat! Die Melodie! Ihre Stimme, hauchig und zart. Camino del Sol! Hotel Palm Beach! Air Florida!

Es war ein kalter, blauer Morgen doch ich lief nackt ans Fenster und riss es weit auf, beugte mich hinaus und jubelte.

Ich war verliebt in ein Lied!

War ich nicht viel zu müde um mich zu bewegen? Nein, ich wollte den Weg der Sonne tanzen! Ich sprang! Ich hüpfte! Ich schwang die Arme! Ungelenk. Ich stieß mich am Schrank! Ein Schmerz! Und Au! Mein Schrei! Und ich lachte! Tanzte am Schreibtisch vorbei zur Tür. Den schmerzenden Arm an mich gepresst. Der Schmerz war da und ich lebte! Und das Leben war wunderbar!

Elle: cadre agréable, sauna, bains de vapeurs!

Im Treppenhaus polterte es. Jemand stampfte die Treppen hoch. Er stampfte zum Beat von Camino del Sol. Ich kicherte. Camino del Sol, Hotel! Meine Knie schwangen, meine Hände klatschten, meine Füße stampften auch. Palm Beach! Air Florida!

Der Tür ging auf, es war Jan.

Du bist nackt, sagte er.

Camino del Sol, sang ich.

Mach mal leiser, ich will pennen, sagte er.

Air Floridaaaa, sang ich.

Jan grinste gequält, schüttelte den Kopf und zog die Tür hinter sich zu.

Die Sonne schien.

Die Sonne scheint.

Ich bin verliebt!

Camino del Sol!

Die Pappe

Ansichtssache

Ansichtssache

Sie war schon immer chaotisch gewesen. Doch dieses Mal taumelte ich fast zurück, als ich ihr Zimmer betrat. Ein modriger Geruch stieg beißend in meine Nase. Alter Käse, feuchte Erde, fauliges Obst. Für einen kurzen Augenblick überlegte ich, auf dem Absatz kehrt zu machen. Die fünf Treppen wieder herunter zu gehen. Die Tür vorsichtig, aber bestimmt hinter mir zuzuziehen und den Schlüssel in den Briefkasten zu stecken. In meinen Kleinwagen zu steigen. Vielleicht vor Aufregung zu vergessen, mich anzuschnallen und dann von der Elektronik des Fords daran erinnert zu werden. Den Blinker zu setzen, loszufahren, die Stimme meines Mannes im Ohr: „Sie ist erwachsen. Misch dich nicht ein.“
Stattdessen atmete ich aus, krempelte die Ärmel hoch und legte los. Zuerst öffnete ich die Fenster. Draußen nieselte es fein, aber es wehte nicht. Die Topfpflanze auf der Fensterbank machte einen jämmerlichen Eindruck. Als ich sie zum Waschbecken trug, um sie zu gießen, fiel mir das ausgeblichene Schleifenband auf, das um das zarte Stämmchen gewickelt war. Ein Pappanhänger verriet, was ich vergessen hatte: Alles Gute zum Geburtstag, Mama. Die Pflanze war ein Geschenk von mir. Ich wässerte sie und stellte sie zurück auf die Fensterbank. Dann begann ich mit der Arbeit.
Wie immer hatte ich eine Rolle Müllsäcke dabei, in der Mitte des Raumes platzierte ich drei von ihnen und begann den Müll, der Böden, Schränke und Regalbretter bedeckte, systematisch in die Säcke zu sortierten. Es dauerte den ganzen Vormittag. Gegen 14 Uhr war ich fast fertig und am Ende meiner Kräfte. Das Stechen in der Schulter war kaum zu ignorieren. Langsam fuhr ich mit einem feuchten Lappen über den Tisch, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde.
„Was machst du hier?“
Ihre Augen waren die blaue Murmeln, rund und ausdruckslos. Ihre Stimme so kalt, dass mir ein Schauer über den Rücken lief.
„Das Gleiche könnte ich dich fragen. Du solltest in der Klinik sein. Aber hallo erstmal!“
Meine Stimme klang heiser und als ich auf sie zuging um sie zu umarmen, war sie steif wie ein Brett.
„Setz dich doch, ich habe ein wenig Ordnung gemacht und die Heizung angestellt. Wenn du wiederkommst, musst du nicht in dieses kalte, schmutzige Loch…“
Ich traute mich kaum, sie anzusehen, doch sie schien einverstanden zu sein. Sie nickte. Setzte sich auf einen Stuhl. Fuhr mit ihrer dürren, roten Hand über die glatte Tischplatte, die ich gerade gewischt hatte. Ich atmete auf und begann, die Müllsäcke zu verknoten.
„Wollen wir vielleicht etwas einkaufen gehen? Dein Kühlschrank ist…“
Mehr konnte ich nicht sagen, denn mit einem Satz war sie aufgesprungen und packte mich hart bei den Schultern.
„Wo ist die Pappe?“ schrie sie mich an.
Speicheltropfen landeten in meinem Gesicht, Fingernägel krallten sich in mein Fleisch und Angst fuhr wie ein Messer in meine Brust.
„Welche Pappe? Lass mich los, du tust mir weh!“
„Wo ist die Pappe???“
Sie schüttelte mich. Ich war viel zu erschrocken, um mich zu wehren. Dann stieß sie mich zu Boden. Ich landete auf einem Müllsack, der meinen Fall dämpfte. Schmerzhaft war es trotzdem. Ich schrie auf. Ein kümmerlicher, hoher Schrei kam aus meiner Kehle, der mir seltsam fremd vorkam. War das wirklich ich, die da geschrien hatte?
Als ich hastig meine sieben Sachen zusammenraffte und die Wohnung verließ, war meine Tochter bereits dabei, die Plastiksäcke auszuschütten und im Müll herumzuwühlen. Auf der Suche nach der Pappe.
Ich weinte nicht, als ich die Treppe herunter ging.

Snooze

Inbetween

Inbetween

Heute Morgen bin ich erwacht. Dachte ich zunächst. Verwirrt. War ich wirklich wach? Ich drehte mich wieder um. Drückte die 5-Minuten-Taste meines Weckers. Der Wecker im Smartphone, der keine Tasten hat. Ich snoozte. Fiel zurück in den Wirbel aus Zuständen. Schlaf? Ich war mir nicht sicher.

Schon schossen Gefühle auf mich, zielten und trafen. Die Unruhe schlug im Herz ein. Nervosität im Atem. Ich fragte mich vorsichtig: „Wer bist du?“ Ich erhielt keine Antwort. Ich versuchte mich anzunähern. „Bin ich die von gestern?“ Ich war scheinbar eine Sie. „Eine nervöse Sie, mmh?“ versuchte ich freundlich zu sein. Mein Körper stimmte mir zu. Die Unruhe lief wie Motoröl aus meinem Herzen. Dickflüssig. „Was ist passiert?“ fragte der Verstand, der jetzt aufwachte und mich schräg von der Seite ansah. Ja, er war auch da. Aber wach? Ich wusste es nicht. Ich konnte seine Frage nicht beantworten. Sie verlor sich zwischen Bildern. Ich sah Menschen. Ich sehe immer Menschen. Die ich kenne, die ich nicht kenne. Die mir etwas sagen wollen, die mir nichts sagen wollen. So viele Menschen. Die es gibt. Von denen ich nicht weiß, ob es sie gibt.

Ich war wieder eingeschlafen. Es klingelte. Ich snoozte. Drehte mich wieder um. Auf die andere, bequeme Seite. Die nach kurzer Drehung wieder zu der einen, unbequemen Seite werden sollte. Ich stand auf einer Wiese inmitten von Eierschalen und Dotter. Ich sah dich. Und dich auch. Ihr habt euch über Vogelfang unterhalten und mich mit Eiern beworfen. Ich rief: „Hört auf damit!“ Du lachtest und sagtest: „Das sind doch nur Vogeleier. Eier. Eier. Eier.“ Und du? Warst auf einmal weg. Ich lief zu einer Rutsche und rutschte sie herunter. Alle klatschten als ich unten ankam. „Wir wollen dich!“ sagte ein Mann mit dunklen Locken und zerrt mich auf die Bühne. Ich konnte nichts sehen im Licht der Scheinwerfer. „Das Mikro!“ zischte das hübsche Mädchen mit dem riesigen Mund neben mir. „If I tell you, if tell now, will you keep on loving me…“, sang ich. „Schreib das mal auf!“ sagte meine Freundin genervt und gab mir einen Zettel und einen Stift. „Der Stift geht nicht, ich will singen!“ maulte ich. „Na gut, dann tanzen wir!“ sagte sie. Und wir tanzten zur Melodie meines Weckers.

Gestern ist wichtig. Aber es ist nur ein Teil. Es gibt so viele Träume. Und so viel dazwischen.

Ich weiß, ich bin ein Mensch-Mensch.