Nicht so gründlich

IMG_20170724_110922

Irgendwo in Deutschland sitzt eine Frau auf dem Balkon. Ihr blauer Plastikstuhl hat weiße Dehnungsstreifen, wenn sie ihren Fuß gegen die grün angelaufene Brüstung drückt. Ihr unbeteiligter Blick wandert über die verwelkenden Blumen, die einer Reihe von Unkräutern Platz gemacht haben. Wo Frühlingsblumen verblühen, strecken sich Gräser gen Himmel. Ihr sezierender Blick wandert weiter zu ihrem großen Zeh, der nicht gepflegt wie in der Werbung sondern als schrumpeliger, meist unbeachteter Körperteil mit grauen Flecken von ihrem Fuß absteht. Gerade hatte er sich noch mit seinen Nachbarn durch den Dreck bewegt. Rhythmisch abrollend in der Symphonie eines gesundes Fußes. Dirigiert von einer mittelmäßigen Dirigentin. Der Körper, ein gespieltes Lied. Jetzt auf einem Balkon.

Auf dem Boden liegt Dreck. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten zeigt sich eine Mischung aus Staub, Zigarettenasche, toten Fliegen und den verwelkenden Blüten vergangener Jahre. Sie ist keine unordentliche Frau, finde ich. Sie hat immer wieder mal gefegt. Nur eben nicht so gründlich.

Sind tote Fliegen ekelig?

Die Sonne lässt noch auf sich warten. Vielleicht wird sie den Balkon nie erreichen, weil er dem Schatten der umliegenden Häuser verpflichtet ist. Vielleicht gibt es nachher einen Lichtreflex wie ein Schwert, der sich in den Fenstern bricht und der Frau geradewegs ins Gesicht scheint. Falls sie dann noch auf dem Balkon sitzt. Ich persönlich glaube es nicht. Diese Frau hat nicht so viel Geduld.

In V.

IMG_20170617_205742

Ich bin in V. Das ist reiner Zufall. Ich bin hier gelandet, weil ich einfach rumgefahren bin. Ich habe einen Weg gesucht, in den ich hineinfahren kann. Einen Weg, der an den Seiten grün und an seinem Ende einsam ist. Und dann bin ich hier gelandet. In V.
Ich sitze auf einer Bank mit einem kleinen, verwitterten Messingschild. „Freiwillige Feuerwehr 2008“ steht darauf. Sie ist mit Vogelscheiße verschmiert, die Freiwillige Feuerwehr. Aber die Bank ist gut und stabil, aus dickem Holz, verwittert, aber nicht bezwungen von der Zeit.
Ich bin nicht die Erste, die hier sitzt. Zigarettenstummel liegen am Boden, hier hat schon jemand geraucht, so wie ich jetzt, die hier sitzt und ihre letzte Zigarette raucht.
Das Leben ist eine Verkettung von Zufällen. Es passieren ständig irgendwelche Dinge, die keinen Sinn ergeben. Ich denke, das ist das Schwierigste für die Menschen. Sie suchen alle permanent nach einem Sinn, einer Antwort, nach Göttern, irdischen und überirdischen, und finden sie nicht. Das, was passiert, hat keinen Sinn. Wir bewegen uns und denken, wir können beeinflussen, welchen Weg wir gehen. Wir versuchen alles oder nichts und wissen nie, was daraus wird. Nennt man es Tragödie? Nennt man es Komödie? Beide Begriffe haben ihre Berechtigung. Ist es der Betrachter, der die Antwort bestimmt? Oder ist es der Moment, der den Betrachter bestimmt?
Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass ich jetzt hier auf dieser Bank sitze. Zufällig. Die letzte Zigarette ist bis zum Filter heruntergebrannt. Ich drücke sie aus. Neben ihren… Freunden. Über die Ameisen krabbeln. Ich werde wieder weiterfahren. Weg aus V. Völlig sinnlos. Beruhigt mich das? Gerade nicht.