Alltags Geschichten

Ich soll meine Geschichte also hier erzählen. Aber wo soll ich anfangen, wenn jeder Tag ein Roman und jede Liebe ein Gedicht ist?

Dazwischen liegen Ewigkeiten mit Onlinewerbung. Höhen aus gestapelten Reklameblättern und Zigarettenblättchen, die vom Winde verweht ihre Botschaft bedeutungslos werden ließen.

Der Alltag ist fad. Wir denken täglich zu 80% das gleiche wie am Tag zuvor, offenbarte ein Trainer in einem Führungskräfteseminar. Ich dagegen denke, das in jedem Gedanken eine Geschichte liegt, die nur darauf wartet zum Leben erweckt zu werden. Jede ein bisschen anders.

So erzähle ich heute eine Geschichte von einem Mann, der ein guter Freund sein wollte. Jeden Tag verbrachte er viel Zeit damit, Kontakte zu pflegen, zu telefonieren, zu schreiben und natürlich Menschen zu treffen. Morgens früh zu Terminen zu begleiten, abends die letzten Biergläser in die Küche zu tragen. An manchen Nachmittagen saß er mit seiner Familie zusammen, gerade vertieft in gemeinsame Aktivitäten und das Telefon klingelte mehrfach. Seine Frau und seine Kinder versahen ihn mit genervten Blicken, wenn er jedesmal seufzte, aber dennoch pflichtbewusst abhob und für die großen und kleinen Sorgen seine Freunde da war. Freundschaft, pflegte er zu sagen, ist ein hohes Gut. An manchen Tagen jedoch, schloss sich der Mann ein, zog die Decke über den Kopf und wollte niemanden sehen. Oft ging dem voraus, dass seine Freunde seinen Erwartungen nicht gerecht geworden waren. Dann ignorierte er die Anrufe und schimpfte, es gäbe keine echte Freundschaft mehr und er sei dumm, dass er sich so behandeln ließe. Am nächsten Tag jedoch, kehrte er mit finsterer Miene aus der Isolation, setzte sich wieder an den Frühstückstisch. Ein paar Tage später hörte man ihn wieder telefonieren und nach einer Woche schleppte er wieder Umzugskisten und erledigte Steuererklärungen.

Und die Moral von der Geschicht. Keine.

Nur eine Frage: Was ist ein guter Freund?

Streit

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Streit ist nicht wie Gewitter. So kraftvoll und klar, so eindeutig, unmissverständlich. Sodass man weiß, woran man ist. Wenn dann die Ströme des Regens einsetzen, sind sie nicht wie Tränen. Nichts unterdrückt sie, niemand hält sie auf, wenn sie die Straßen und Wiesen, Häuser und Kühe herunterrinnen, bis der Wind sie versiegen lässt und die Wolken von dannen scheucht. Die Sonne ist kein Taschentuch, sie trocknet nicht nur die Oberfläche, sondern wärmt bis in Glieder und Wurzeln. Jeder Strahl eine Urkraft, jeder Schatten eine Zuflucht. Fliehen und endlich ankommen.

Ich wünschte Streit wäre wie Gewitter.

Zustandsbeschreibung

Manchmal frage ich mich, wie glücklich ich gerade bin. Oder wie unglücklich. Aber das wäre zu pessimistisch formuliert. Ich bemühe mich trotz allem Unheil in der Welt positiv zu denken. Positiv zu schreiben. Einfache Aussagen zu treffen. Eine Nummer auf einer Skala von eins bis zehn könnte ich wählen. Ein beliebtes Mittel der Kategorisierung von Zuständen, zum Beispiel in der Psychotherapie. Ein eigenartiges Mittel, einem Gefühl eine Nummer zuzuordnen. Etwas Subjektives etwas Rationalem.

Wie glücklich bin ich heute? 

So glücklich, dass ich lange wach geblieben bin.

So glücklich, dass ich meine Füße gegen eine heiße Wärmflasche gedrückt habe, bis sie fast verbrühten. 

So glücklich, dass ich lebe und mich mit Neugier frage, was morgen passieren wird.

Das klingt religiös. Ist es aber nicht. Vielleicht nutzt man den Begriff “religiös”, wenn es um Sonderbares geht. Wenn es um Gefühle verwirrender Uneindeutigkeit, Sehnsucht, Sinnsuche und Leere geht. 

Wie glücklich bin ich?

Wie bin ich glücklich?

Weil ich es kann

Ich ernähre mich schlecht. Ich esse Lakritzbox zum Frühstück. Die Box ist zum größten Teil voll mit Lakritz, die ich nicht mag. Aber gekauft ist gekauft. Und nähren tut sie auch.

Ich dokumentiere meine Umwelt. Will alles verstehen, was ich sehe, was ich höre.

Habe auf der Zugfahrt mit Fremden mehr Spaß als auf der Party mit Bekannten.

Will zuhören, wenn ich es will.

Will mich nicht schminken. Stattdessen stinken. Solange an meinen Fingern riechen bis sie mir fremd sind. Bis ich sie mit Distanz betrachten kann.

Ein neues Dokument öffnen. Und noch ein neues. Als ich neulich einmal wieder die Literaturverfilmung Homo Faber aus den 90er sah, blieb mir am meisten in Erinnerung, dass Walter Faber nach dem Flugzeugabsturz auf seiner Schreibmaschine tippen kann. Ich dagegen habe einen Computer, dessen Lichtlein nach wenigen Stunden erlöschen würde. Ein bedrohliches Gefühl. Die Vergänglichkeit des Eigenen. Ich sollte alles ausdrucken. Ausdrucken? Besser: abtippen!

Ich träume.

In mir ist diese Unruhe, die sich nicht benennen lässt.

Ich will weglaufen.

Ich will Bindung.

Ich bin so verrückt, dass es ansteckt.

Stream

Now and Now

Now and Now

Das ist zu viel.
Ich kann euch nicht alles vorkauen.
Ihr müsst es schon selber sehen.
Was euer Interesse ist, weiß ich nicht.
Ihr nehmt ein Stück vom Ganzen. Könnt es euch aussuchen.
Das Chaos wird mehr. Das Chaos bin ich. Das Chaos wächst.
Ich fühle mich bedroht vom Staubsauger vor meiner Tür. Vor dem lauten Geräusch. Habe Angst, dass jemand hereinkommen könnte. Denn jeder weitere Schritt. Jeder weitere Schritt.
Ich will Menschen verstehen.
Das ist der Weg.
Die Mutter, das Blut der Fehlgeburt an ihren Händen.
Doch es kommt nicht.
Die Drogen leiten dich. Die Drogen schützen dich.
Wenn der Schmerz nicht rauskommt und du realisierst es.
Und dein Ohr liegt noch warm und feucht in deiner Hand.
Wenn die Blindheit doch nur Metapher ist.
Wenn keine Geschichte deines Todes zu einer Legende taugt.
Du kleines Genie.
Amor – Getrieben von eigener Unzulänglichkeit.
Für Mitleid nicht schön genug.
Ekel vor dir selbst.
Lebensmittel sind Feinde – welche Mittel für welches Leben?
Und dann erkennst du es.
DU bist der Schmerz.

Eine normale Geschichte

So near.

So near.

Das Gebäude ist groß und seine Front komplett verspiegelt. Wenn die Sonne günstig fällt, kann man einzelne Büros und ein paar mächtige Schreibtische vor den Fenstern erkennen. Wenn ich mit meinen kleinen, grünen Lederpumps die Marmortreppen heraufklappere, komme ich mir immer besonders hübsch und wichtig vor. Wie ein Teil einer exklusiven Welt, in der es nur Reichtum, Erfolg und Macht gibt. Oft zwickt mich dann mein modischer Blazer und erinnert mich daran, wer ich bin. Eine Besucherin in dieser Wunderwelt. Mit einem Blazer von H&M aus dem Sonderangebot. Meistens ziehe ich dann den Bauch ein, drücke die Brust heraus, straffe die Schultern und hebe den Kopf, strecke meine kurze Stupsnase ein klein wenig in die Höhe und sauge den penibelsauberen Geruch ein, der aus der riesigen Schwingtür strömt. Dann öffnet die Firma ihren riesigen Schlund und kostet mich, kaut kurz auf mir herum und spuckt mich nach drei Stunden gelangweilt wieder aus. Das ignoriere ich jedoch mit allem mir gebliebenen Stolz und stolziere die Marmortreppen aufrecht wieder hinunter. Ich gehöre hier her. Ich habe ein Recht, hier zu sein. Kurz darauf quetsche ich mich in einen der überfüllten Busse, zunächst noch zwischen andere Sonnenseitler des Lebens, nach einer halben Stunde nur noch zwischen meinesgleichen. Studenten, Jobber, Alleinerziehende, Hippies, Penner und einfach stinknormale Leute mit einer stinknormalen, schlechtbezahlten Arbeit, die grade so viel Geld einbringt, dass man sich Wohnung, Lebensmittel und ein extra Feierabendbier leisten kann. Putzen suckt!