Das ist alles etwas viel

Gar nicht so viel. Heute war Sonne.



Ich mache viel. Ich mache wenig. Ich bin ein Klotz. Ich bin ein König.

Gefangen im Raum zwischen den Gedanken der Einen und der Anderen über mich versuche ich herauszufinden, wie ich bin. Dann setze ich mich hin und schreibe. Ich möchte entscheiden, dass heute ein guter Tag war und ich viel geschafft habe. Doch die einen sind länger geblieben und die anderen früher aufgestanden. Dafür habe ich mich heute morgen krank gefühlt. Bin trotzdem zur Arbeit gegangen. Verwegen den Schmerz mit Kaffee hinunter gespült.

“Ich war noch nie krank”, höre ich die Stimme der einen.
“Ich bin selten vor 20 Uhr zu Hause”, sagt ein anderer.

Ich staune. Nie krank. Nie vor acht zu Hause. Da bin ich doch Schreiberin, Philosophin, Lebenskünstlerin und Allesversteherin, aber das bin ich nicht! Nie krank. Nie vor acht zu Hause.

Was ist das Besondere am Viel?

Es findet sich im Aufsichtsrat der DAX-Konzerne und im Schweigekloster. Im Sandkasten und im Seniorenkreis. Bei Rohköstlern und Alkoholikern.

Selbst die, die sich von ihm distanzieren, beschäftigen sich mit ihm. Was ist viel? Was ist zu viel?

Während ich noch versuche, mich heute Abend mit einem gut gemacht und genug gemacht zu beurteilen, trinke ich ein Glas Tee. Denke noch mal an die einen und die anderen.
Viele machen ziemlich viel.

Alles in Ordnung mit Ihnen?

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Es herrscht die Ruhe eines kalten, winterlichen Sonntags, der die Welt erstarren und Menschen, die sonst schlendern, vorüberhuschen lässt. Als kleine schwarze Gestalt, die sich eine Mütze bis kurz über die Augen und einen Schal bis kurz unter jene gezogen hat, stapfe ich über die reifbedeckten, unberührten Wege. Die Welt steht still und alles erscheint mir fern.

Ich weiß nicht, ob ich gläubig bin. Aber ich glaube Vieles. Dass die Politik Frauen misstraut, die sich ihr Gesicht verhüllen, so wie mir? Dass die kalte Gesellschaft an ihren Kaminen sitzt und sich die Hände wärmt, hinter verschlossenen Türen. Dass der Konsum nur von Weitem süß ist und golden glitzert. Dass die Nachbarin sich gestern wieder über den Lärm der Musik beschwert hat. Ich gehe schnell und die Sohlen meiner Stiefel finden kaum Halt auf dem glatten Boden. Ich rutsche, schlittere, strauchle, verliere das Gleichgewicht, fange mich wieder und falle nicht. Gerade noch mal gut gegangen! Ich muss an den Sommer zurückdenken, das grüne Laubdach über mir, die laue Luft, an den Moment als ich beim Joggen im Park stolperte, stürzte und unter Tränen des Schmerzes im alten Laub am Wegesrand niedersank. Wie etwas in mir wuchs, mit jeder Person, die schweigend an mir vorüber ging, radelte oder rannte. Meine Tränen wurden stärker und lautlos in die Büsche starrend konnte ich nicht mehr unterdrücken, was mein Herz zuschnürte: die tiefe, archaische Einsamkeit.

Doch nach fünfzehn Minuten eine Andere. Die Erlöserin. Sie hatte braune Haare und war etwa 40 Jahre alt, trug ein perfektes Joggingoutfit in Neonfarben und riss sich mit einer schnellen Bewegung einen Kopfhörer aus dem Ohr. Dann sprach sie die magischen Worte, griff mir unter den Arm und half meinem dreckverschmierten, kraftlosen Ego wieder auf die Beine. Nach einer Minute und ein paar warmen Worten und Beteuerungen meinerseits, es würde schon wieder gehen, joggte sie weiter und ich humpelte zur nächsten Bank, auf die ich mich setzte und atmete.

Ich weiß nicht, ob ich gläubig bin. Aber ich glaube Vieles. Dass Politik sich immer wieder hinterfragt und erneuert auf dem steinigen Weg zur Umsetzung der Menschenrechte. Dass es Frieden gibt, den ich fühle, wenn ich mich aufmache, um zur Kirche zu gehen. Dass immer eine Kerze in der Dunkelheit leuchtet, deren Flamme selbstverloren tanzt. Dass es eine Frau gibt, die mit offenen Augen durch den Park läuft und einer Gestürzten auf die Beine hilft.

Die Einsamkeit ist real. Doch solange ich etwas glauben kann, ist alles in Ordnung mit mir.

 

 

Losing every day – II

Zu viel des Guten?

Zu viel des Guten?

Generation der Verlierer
Wir leben in einer Zeit, in der wir mehr denn je haben. Wir haben so viel, dass es zum Trend wird, weniger zu besitzen. Minimalismus kehrt ein in die Wohnungen der Generation 30+. Es wird aussortiert, entrümpelt, gespendet für den wohltätigen Zweck. Immer weniger 18-jährige wollen Führerschein machen. Wer braucht schon ein teures Auto, das die Umwelt verpestet? Aber natürlich wollen wir diejenigen sein, die bestimmen, von welchen Dingen wir weniger haben. Während wir uns bewusst entscheiden, von welchen Gütern wir uns trennen, haben wir Angst, dass uns andere genommen werden.

Es wurde bereits viel geschrieben zu dieser neuen Generation der Vernünftigen, die nicht rebelliert, sondern Bausparverträge abschließt. Die eine Pauschalreise mit Freunden dem waghalsigen Abenteuerurlaub vorzieht. Die von der Festanstellung träumt. Karriere? Ja, bitte! Aber in Teilzeit und ohne Risiko. Mit kurzem Arbeitsweg!

Ja, auch über die neue Generation der Ängstlichen wurde viel geschrieben. Arbeitslosigkeit, Krankheiten, Familien- und Lebensplanung, die unsichere Weltlage – all sie geben Anlass zur Sorge. Die Werte unserer Eltern und Großeltern, unsere Politiker und Vorgesetzten, sie passen nicht so recht zu dem Leben, das wir führen. Woran sollen wir uns halten? Tags lächeln wir tapfer, nachts schlafen wir schlecht.

Wie Sand durch die Finger
Wir sind die Generation mit den zahlreichen Chancen, die uns wie Sand durch die Finger gleiten. Unser Leben ist getaktet, weil es so sein muss. Wir sind organisiert und haben trotzdem immer das Gefühl, etwas vergessen zu haben. Und dann gibt es so vieles, das wir zurücklassen müssen…

Wir verlieren unsere Bezugspersonen.

Während manche Menschen uralt werden, ist es gerade unser Vater, der sterben musste. Dessen Krankheit die medizinische Wunderwelt nichts entgegenzusetzen hatte. Wir wissen, dass Partnerwechsel nichts Verwerfliches ist, quasi biologisch natürlich, und wünschen uns trotzdem, dass es hält. Dieses Mal die Richtige, dieses Mal der Wahre.

Wir verlieren unsere Freundeskreise.

Und das in Zeiten von Facebook und Co! Es gibt nun wirklich keinen Grund mehr, seine Freunde aus den Augen zu verlieren. Richtig. Deswegen lesen wir auch in regelmäßigen Abständen, was sie machen. Wir erhalten Updates und Rundmails, haben mehr Freunde denn je und wissen manchmal trotzdem nicht, wen wir anrufen sollen, wenn es uns schlecht geht. Wer beim Umzug mit anpackt. Es ist ja schon alles so lange her. Was haben wir uns noch zu sagen? Wann sollten wir das tun?

Wir verlieren unsere Wohnorte.

Wir wohnen dort, wo der Job ist. Da wo wir herkommen und da wo wir hinwollen, gibt es keinen für uns. Wir müssen umziehen, wenn wir etwas erreichen wollen. Die Wohnung ist ok, aber sie ist ja nicht für immer. Die Nachbarn nerven. Dabei haben wir noch nie ein Wort mit ihnen gewechselt. Wir wissen nach zwei Jahren in der neuen Stadt noch nicht, wo der nächste Badesee ist. Warum auch, wer weiß, wo es nächstes Jahr hingeht!

Wir verlieren Zeit für uns.

Müßiggang ist mit schlechtem Gewissen verbunden. Wir sind Zeitoptimierer. Auf dem Weg ins Fitnessstudio noch mal kurz Mails checken. Auf dieser Veranstaltung sind wir nicht nur Gäste, sondern auch Netzwerker. Fast zu spät gekommen, wie immer abgehetzt. Stress ist unser Dauerzustand. Die Freizeit verpflichtet uns zur sofortigen Entspannung. Wir wissen nicht mehr, was Langeweile ist.

Wir verlieren die Sicherheit.

Was passiert in Russland? Was passiert in Griechenland? In Syrien ist Krieg. Was ist mit den Banken? Dort haben wir doch unser Geld? Warum haben sie es nicht mehr? Sollen wir für die Rente einzahlen? Oder doch Goldbarren vergraben? Ist das Abendland tatsächlich christlich? Wir gehen doch gar nicht in die Kirche. Wen sollen wir wählen? Wir hören nur Drohungen und Schweigen. Auf was sollen wir bauen? Wem sollen wir vertrauen?

Wir haben so viel zu verlieren
Vor 50 Jahren wollten junge Menschen raus in die Welt. Neue Horizonte entdecken, Menschen kennenlernen, sich sexuell ausprobieren. Heute müssen wir raus in die Welt. Horizonte, Menschen, Sex gehören zum Pflichtprogramm. Wir ignorieren den Druck und betonen, was wir dabei alles gewinnen werden. Wissen, Erfahrung, Geld. Mehr denken wir nicht nach.

Manchmal wird uns alles zu viel. Wir bekommen kleine und größere Krankheiten. Spüren eine Leere, die sich mit nichts erklären lässt. Die Angst wird übermächtig. Was hat noch Bestand in diesem Leben? Nur noch Omas Kartoffelbrei. Alles ist im Wandel? Nein, alles bröckelt! Wir gehen durch die endlosen Regale des Supermarktes ohne Korb und Wagen, brauchen noch dringend zwei Tüten Milch, obwohl uns die Eier bereits aus den Fingern rutschen.

Wir wurden geboren und hatten alles. Wir können nur verlieren.