Kaffeeliebe

An trüben Morgen, die Kleidung hastig übergeworfen, die Haare energisch gebürstet, auf dem Rad über rote Ampeln gehetzt, die Tür zum Büro rumpelnd aufgestoßen, die Tasche in die Ecke gepfeffert, bist du mein erster Moment der Ruhe.

Am Bahnhof mit dem Rücken zum Geländer, fröstelnd im eisigen Nordwind, fast verbrannte Handflächen, die sich abwechselnd tief in die Manteltaschen graben, ein Schauer, der vibrierend durch den Körper fährt, du bist mein Vertrauter, mein treuer Begleiter.

Wenn wir lachen, lästern, labern, laut und leise, sarkastisch, ironisch und immer wieder voller Begeisterung, weinen, uns Taschentücher reichen in plüschigen Hipstersesseln versinken, bist du in unserem Bunde der Dritte.

Und wieder sind alle zusammen gekommen um sie zu feiern, eine Alltagskultur aus Brötchen mit Marmelade und Knuspermüsli, Butterkuchen und Käse-Sahne-Schnitten, Obstplundern und Nussecken, mit Milch und Zucker, dein Geruch ist meine Kindheit, meine Jugend, mein Versuch eines Erwachsenseins.

Kaffee.

Gedichte dürfen alles – Eine Liebeserklärung

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Warum liebe ich Gedichte?
Mehr schreiben als lesen,
mehr aufsagen als lernen?

Gedichte sind freier als der Wind, der oft nur aus einer Richtung blasen kann. Sie kennen Grammatik, doch sie brauchen Sie nicht. Sie sprechen unsere Sprache, doch auch viele andere. Jede Zeile ist eine neue Entscheidung, der Beginn von etwas ganz Großem oder belanglos klein. Vornehm oder rotzig kommen Sie daher.

„Darf ich Sie bitten, völlig losgelöst herauszulassen, was Ihre Gedankenwelt sprengt?“

„Schreib, du Arschloch, schreib die Strukturen ein! Schreib die Gesellschaft klein! Frei musst du sein!“

Das Gedicht als Form für die Spinner sich zu verwirklichen und der großen, ganzen Weltorganisation nicht auf den Sack zu gehen. Fäkalsprache oder Schönschrift, alles gratis. Wählen Sie ihre Gefühle aus einem reichen Angebot.
Gezähmter Mensch aus dem Land der tausend Gesetze braucht eine Erlaubnis, um frei zu sein.

Doch als eine von ihnen, den Irren und Wirren, die sich an dem, das da ist abarbeiten, bis sie erschöpft zusammenbrechen, kann ich nur jauchzen und frohlocken, wenn ich reime und schreibe und weine, zusammensetze und tausche, von oben nach unten, von rechts nach links:

Dichten muss ich,
Dichten,
Ich brauche keine Geschichten
Ich brauche keine Worte,
Keine Orte, keine Zeit,
Ein neuer Stift,
Kein neues Kleid
Egal, was kommt
Ich bin bereit
Frei
Wofür
Alles
A B c
1 2 3
🙂

Gedichte dürfen alles?
Gedichte können alles!
Darum liebe ich sie.

Eine Liebesgeschichte

ipp

In einer Liebesgeschichte

Dies ist eine Liebesgeschichte. Ich brauche sie nicht zu erzählen, da alle Liebesgeschichten gleich sind. Aber wie lange dauert eine Liebesgeschichte? Bis die Liebe endet? Bis dass der Tod die Liebenden scheidet? Bis über den Tod hinaus? Bis in alle Ewigkeit?

Eine Liebesgeschichte dauert von einer Sekunde bis zu ein paar Stunden. Dann kann eine neue beginnen. Oder nicht. Ich spüre eure zweifelnden Blicke. Der Widerspruch bleibt aus. Schade. Vielleicht seid ihr nicht mehr fünfzehn Jahre alt. Fünfzehn. Ein Alter, in dem noch alles möglich war. Auch die ewige Liebe.

Eine ist vielleicht fünfundzwanzig und hat ihren zweiten Freund. Womöglich würde sie sagen, er sei ihre zweite Liebesgeschichte. Ich möchte sie an den Moment erinnern, als sie ihn zum ersten Mal zum Teufel wünschte, weil er sie versetzt hat und sie allein, gedemütigt zur Abschlussfeier ihres Bruders ging. Als sie zwei Tage nicht miteinander sprachen. Und dann, an einem Mittwoch, stand er vor ihrer Tür. Ohne Blumen, denn dies ist kein Hollywoodfilm, sondern eine Liebesgeschichte. Ihre Liebesgeschichte. Mindestens die dritte. Ein anderer ist achtundvierzig und weiß, sie ist immer noch die Frau, mit der er zusammen sein möchte. Bald sind es zwanzig Jahre. Er findet sie noch wahnsinnig attraktiv. Meistens. Mit ihren Hobbys kann er auch leben. Inzwischen. Hoffentlich ein Leben lang. Jeden Tag neu.

Manche Menschen sind süchtig nach Liebesgeschichten. Sie wollen sie immer und immer wieder erleben, immer wieder erzählen. Sie lauern ihnen auf und stürzen sich drauf. Sie werfen sich rein und lassen sich ein. Für einen langen Moment. Wie lange er dauert, wollen sie nicht wissen. Was danach kommt, haben sie vergessen. Was sind das bloß für Menschen? Sie sind unter uns.

Aber so die Liebe nicht, höre ich euch rufen. Laut und empört. Die Liebe ist sturmerprobt, kennt Licht und Schatten, ist leicht wie eine Feder, zäh wie eine Schuhsohle!
Vielleicht habt ihr Recht. Doch was weiß ich von der Liebe?
Dies ist nur eine Liebesgeschichte.

Lieben und Schreiben im Café Irgendwo

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Ich mag Menschen. Ich kenne Menschen und ich lerne neue kennen. Jetzt mehr als noch vor zehn Jahren. Ich möchte so gern über Menschen schreiben. Ihnen nah sein, sie sein. Ich liebe jeden Obdachlosen, der mit seinen offenen Beinen (ja, ich habe schreckliche Blessuren gesehen) auf der Straße liegt. Ich liebe die schöne Frau, die in ihren hautengen Hosen und ihren Stilettos über die Straße trippelt und mich verstohlen mustert. Ich liebe die magere Frau mit den blond gefärbten Haaren und Silikonbrüsten, die so sexualisiert und spiegelnd umher geht, als sei ihr Leben davon abhängig, Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich liebe dieses kleine, braungebrannte Mädchen, das gerade ein riesiges Schachspiel zu seinem Vater trägt. Ich liebe dieses Müslidreieck. Den Geschmack von Körnern und Zucker. Den Kaffee, der alles herunterspült. Das Gefühl in meinem Bauch, wie er sich langsam füllt, das Knurren verstummt. Und mir wird nicht langweilig, es zu schreiben. Ich liebe es, meinen Kugelschreiber über das dicke Papier zu führen, die dickflüssige Müdigkeit, die sich wie Honig über mich ergießt, kann mich nicht davon abhalten. Liebe ich mich? Heute sehr.

In der Liebe

ipp

Deine Sorgen möcht ich haben

Durch alle meine Welten tragen

Manch eine werd ich dort verlieren

Dafür kannst du mich kritisieren

Doch mach dir nichts daraus

Ich denk mir neue aus

Meine Lieben

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Meine Lieben
Lieben nicht
So wie ich

Müssen meine Lieben
Mich nicht
Heiß und innig lieben?

Liebend gerne
Liebe ich
Wenn meine Lieben
Lieben mich

Ist meine Liebe übertrieben?
Nein!
Was ist uns sonst geblieben?
Als dieses Lieben
Dieses Leben
Liebe geben
Leben lieben
Drum rufe ich laut
Hiergeblieben
Meine Lieben
Denkt an eure Pflicht
Als meine Lieben
Müsst ihr lieben
Sonst liebe ich
Euch nicht

Doch
Meine Lieben
Lieben nicht
So wie ich

Sind am Ende
meine Lieben
meine Lieben
nicht?

An Alpha B. T.

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Es ist Sonntag. Zeit für eines meiner Lieblingsgedichte aus dem Jahr 2008.

Mein Herz ist ein beschriebenes Blatt
Es trinkt sich an blauschwarzer Tinte satt
Es saugt sie hinein, es bleicht sie hinaus
Es kratzt die Feder tagein und tagaus
Das Schicksal hält sie in seiner Hand
Einmal schreibt die Sehnsucht, einmal der Verstand
Doch vor bald unendlicher Zeit
Öffnete ich mich zu weit
nach meinem Herzen griff ein Mann
der leider gar nicht schreiben kann
Er hält die Feder, doch nutzt er sie nicht
blass wird mein Herz, blass wird mein Gesicht
Die Schrift wird vergehen, das Blatt wird sich leeren
Mein Herz muss seiner Nahrung entbehren
Wie kann er mir nur meinen Inhalt verwehren?
Wie kann ich ihm nur das Schreiben lehren?