Keine Schuhe

Ich spaziere durch den Park. Von Weitem sehe ich einen unauffällig gekleideten Mann, der auf unsicheren Schritten um eine Bank herum geht. Als ich näher komme, sehe ich, dass er Socken trägt. Beim Vorbeischlendern bemerkt er mich, blickt auf meine Schuhe und sagt freundlich: “Es ist angenehm, wenn man Schuhe hat.”
Irritiert mustere ich ihn und frage: “Wo sind denn Ihre Schuhe?”
Er schaut betrübt zu Boden und seufzt: “Bei einem sogenannten Freund, der meine Frau… Naja…” Er macht eine wegwerfende Handbewegung. Dann setzt er sich auf die Bank und als meine Blicke ihm folgen, sehe ich eine dicke, brennende Altarkerze neben ihm auf der Bank stehen. Der Mann betrachtet sie und sagt fröhlich aufmunternd zu sich selbst :” Aber ich hab eine Kerze!”

Mann, bist du emotional

ipp

Far from victory

Da stehst du vor mir und fuchtelst mit den Händen. Willst gesehen werden. Jetzt. Sofort.

Du bist nicht zu übersehen. Wenn du lachst, nimmst du den Raum ein. Wenn du weinst, gibt keiner einen Laut von sich. Alle sehen betreten zur Seite.

Was hat er denn jetzt schon wieder, fragt ein Kollege genervt.

Keine Ahnung, sage ich seufzend. Dabei kennen wir die Antwort.

Aufmerksamkeit heißt sie.

Und die holst du dir. Egal wie! Ob mit klimpernder Gitarre oder poetischen Worten, kullernden Tränen oder geballten Fäusten. Ob mit erschlagender Präsenz oder lärmender Abwesenheit.

Deine Emotionen sind manchen befremdlich. Mir befremdlich nah.

 

 

 

 

Eine Krise

Ganz viel Geld

Ganzvielgeld

Dinge, die wir nicht versteh’n

erhalten das System

Und alle

reden

über

Griechen-

land

Wo unser aller Elend

seinen Anfang fand

Und alle

Esel

rufen

laut

Eeee Uuu

Menschen sind so unbequem

Zahlen sind so wunderschön

Wir erhalten das System

das System

das

Sys

t

e

m

Lieben und Schreiben im Café Irgendwo

P1010983

Ich mag Menschen. Ich kenne Menschen und ich lerne neue kennen. Jetzt mehr als noch vor zehn Jahren. Ich möchte so gern über Menschen schreiben. Ihnen nah sein, sie sein. Ich liebe jeden Obdachlosen, der mit seinen offenen Beinen (ja, ich habe schreckliche Blessuren gesehen) auf der Straße liegt. Ich liebe die schöne Frau, die in ihren hautengen Hosen und ihren Stilettos über die Straße trippelt und mich verstohlen mustert. Ich liebe die magere Frau mit den blond gefärbten Haaren und Silikonbrüsten, die so sexualisiert und spiegelnd umher geht, als sei ihr Leben davon abhängig, Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich liebe dieses kleine, braungebrannte Mädchen, das gerade ein riesiges Schachspiel zu seinem Vater trägt. Ich liebe dieses Müslidreieck. Den Geschmack von Körnern und Zucker. Den Kaffee, der alles herunterspült. Das Gefühl in meinem Bauch, wie er sich langsam füllt, das Knurren verstummt. Und mir wird nicht langweilig, es zu schreiben. Ich liebe es, meinen Kugelschreiber über das dicke Papier zu führen, die dickflüssige Müdigkeit, die sich wie Honig über mich ergießt, kann mich nicht davon abhalten. Liebe ich mich? Heute sehr.