Was Vergessen

Ich bin unruhig. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas vergessen habe. Doch ich weiß nicht, was.

Wie standen an der Haltestelle. Du musstest mir noch schnell etwas erzählen. Nur kurz, bevor wir beide in unsere Busse steigen und auseinanderfahren würden. Du räuspertest dich. Es täte dir leid, du hättest es mir vorher sagen sollen. Aber jetzt sei es beschlossene Sache. Nächste Woche würdest du gehen. Es sei ein einmaliges Angebot gewesen. Wie hättest du es ausschlagen können? Mehr und mehr Worte sprudelten aus deinem Mund.

Ich blieb stumm. Innerlich war ich mit einem Satz zurückgesprungen wie ein erschrockenes Pferd. Äußerlich war es wohl nur meine Miene, die sich minimal verzog. Nur minimal. Okay, sagte ich. Verunsichert, gelähmt, rausgefallen aus meiner Rolle der Gutgelaunten, der Optimistin, der Allverstehenden. Doch mit tapferem Lächeln, überschütterlich, unverwüstlich freundlich. Gut. Ich wünschte dir viel Glück.

Dann tauschten wir Belanglosigkeiten aus. Plapperten, was aus unseren Kehlen strömte, eine quälende Endlosigkeit. Als du schließlich die obligatorische Umarmung anstrebtest, erwiderte ich sie voller Erleichterung und empfand nur noch Müdigkeit als ich mich ein letztes Mal umdrehte bevor ich in den schnaufenden Bus stieg, der vor uns anhielt. Du winktest mit einem aufgesetzten Lächeln und ich winkte zurück. Kuss und Schluss. Aus vorbei die Polizei. Ende im Gelände.

Dies alles erscheint mir Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre her.

Doch ich sitze hier und bin unruhig. Was ist es bloß, das ich vergessen habe?

Alles in Ordnung mit Ihnen?

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Es herrscht die Ruhe eines kalten, winterlichen Sonntags, der die Welt erstarren und Menschen, die sonst schlendern, vorüberhuschen lässt. Als kleine schwarze Gestalt, die sich eine Mütze bis kurz über die Augen und einen Schal bis kurz unter jene gezogen hat, stapfe ich über die reifbedeckten, unberührten Wege. Die Welt steht still und alles erscheint mir fern.

Ich weiß nicht, ob ich gläubig bin. Aber ich glaube Vieles. Dass die Politik Frauen misstraut, die sich ihr Gesicht verhüllen, so wie mir? Dass die kalte Gesellschaft an ihren Kaminen sitzt und sich die Hände wärmt, hinter verschlossenen Türen. Dass der Konsum nur von Weitem süß ist und golden glitzert. Dass die Nachbarin sich gestern wieder über den Lärm der Musik beschwert hat. Ich gehe schnell und die Sohlen meiner Stiefel finden kaum Halt auf dem glatten Boden. Ich rutsche, schlittere, strauchle, verliere das Gleichgewicht, fange mich wieder und falle nicht. Gerade noch mal gut gegangen! Ich muss an den Sommer zurückdenken, das grüne Laubdach über mir, die laue Luft, an den Moment als ich beim Joggen im Park stolperte, stürzte und unter Tränen des Schmerzes im alten Laub am Wegesrand niedersank. Wie etwas in mir wuchs, mit jeder Person, die schweigend an mir vorüber ging, radelte oder rannte. Meine Tränen wurden stärker und lautlos in die Büsche starrend konnte ich nicht mehr unterdrücken, was mein Herz zuschnürte: die tiefe, archaische Einsamkeit.

Doch nach fünfzehn Minuten eine Andere. Die Erlöserin. Sie hatte braune Haare und war etwa 40 Jahre alt, trug ein perfektes Joggingoutfit in Neonfarben und riss sich mit einer schnellen Bewegung einen Kopfhörer aus dem Ohr. Dann sprach sie die magischen Worte, griff mir unter den Arm und half meinem dreckverschmierten, kraftlosen Ego wieder auf die Beine. Nach einer Minute und ein paar warmen Worten und Beteuerungen meinerseits, es würde schon wieder gehen, joggte sie weiter und ich humpelte zur nächsten Bank, auf die ich mich setzte und atmete.

Ich weiß nicht, ob ich gläubig bin. Aber ich glaube Vieles. Dass Politik sich immer wieder hinterfragt und erneuert auf dem steinigen Weg zur Umsetzung der Menschenrechte. Dass es Frieden gibt, den ich fühle, wenn ich mich aufmache, um zur Kirche zu gehen. Dass immer eine Kerze in der Dunkelheit leuchtet, deren Flamme selbstverloren tanzt. Dass es eine Frau gibt, die mit offenen Augen durch den Park läuft und einer Gestürzten auf die Beine hilft.

Die Einsamkeit ist real. Doch solange ich etwas glauben kann, ist alles in Ordnung mit mir.

 

 

Eine Liebesgeschichte

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In einer Liebesgeschichte

Dies ist eine Liebesgeschichte. Ich brauche sie nicht zu erzählen, da alle Liebesgeschichten gleich sind. Aber wie lange dauert eine Liebesgeschichte? Bis die Liebe endet? Bis dass der Tod die Liebenden scheidet? Bis über den Tod hinaus? Bis in alle Ewigkeit?

Eine Liebesgeschichte dauert von einer Sekunde bis zu ein paar Stunden. Dann kann eine neue beginnen. Oder nicht. Ich spüre eure zweifelnden Blicke. Der Widerspruch bleibt aus. Schade. Vielleicht seid ihr nicht mehr fünfzehn Jahre alt. Fünfzehn. Ein Alter, in dem noch alles möglich war. Auch die ewige Liebe.

Eine ist vielleicht fünfundzwanzig und hat ihren zweiten Freund. Womöglich würde sie sagen, er sei ihre zweite Liebesgeschichte. Ich möchte sie an den Moment erinnern, als sie ihn zum ersten Mal zum Teufel wünschte, weil er sie versetzt hat und sie allein, gedemütigt zur Abschlussfeier ihres Bruders ging. Als sie zwei Tage nicht miteinander sprachen. Und dann, an einem Mittwoch, stand er vor ihrer Tür. Ohne Blumen, denn dies ist kein Hollywoodfilm, sondern eine Liebesgeschichte. Ihre Liebesgeschichte. Mindestens die dritte. Ein anderer ist achtundvierzig und weiß, sie ist immer noch die Frau, mit der er zusammen sein möchte. Bald sind es zwanzig Jahre. Er findet sie noch wahnsinnig attraktiv. Meistens. Mit ihren Hobbys kann er auch leben. Inzwischen. Hoffentlich ein Leben lang. Jeden Tag neu.

Manche Menschen sind süchtig nach Liebesgeschichten. Sie wollen sie immer und immer wieder erleben, immer wieder erzählen. Sie lauern ihnen auf und stürzen sich drauf. Sie werfen sich rein und lassen sich ein. Für einen langen Moment. Wie lange er dauert, wollen sie nicht wissen. Was danach kommt, haben sie vergessen. Was sind das bloß für Menschen? Sie sind unter uns.

Aber so die Liebe nicht, höre ich euch rufen. Laut und empört. Die Liebe ist sturmerprobt, kennt Licht und Schatten, ist leicht wie eine Feder, zäh wie eine Schuhsohle!
Vielleicht habt ihr Recht. Doch was weiß ich von der Liebe?
Dies ist nur eine Liebesgeschichte.

Die Abhängigkeit

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Er lehnt sich zurück in seinem Schreibtischstuhl, der ein Sessel ist. Er hat die Welt gesehen. Er hat nicht nur Volkswirtschaft, sondern auch Philosophie, Jura, Geografie und Romanistik studiert. In Heidelberg, München und Berlin. Er reist. Man kennt ihn. Man schätzt ihn. Seine Vorträge. Seine Expertise. Seine Eloquenz.

Er kennt den Arbeitsmarkt. Es ist nicht leicht einen Job zu finden. Heutzutage. Manche Leute finden keinen Job, weil sie zu viel wissen. Überqualifizierte. Manche Leute können andere Dinge gut. Es kann ja nicht jeder Chef sein. Continue reading

Dieses Etwas

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In mir ist dieses Etwas, das sich nicht ignorieren lässt. Ich weiß, es wird mit einem Mal weg sein. Wie vom Erdboden verschluckt. Dann werde ich eine Andere sein. Doch jetzt ist es da und lässt mich in die Tasten hauen. Lässt mich im Zimmer herumschwirren, im Internet herumirren. Der Kopf, der Kopf! Er ist so voll und gleichzeitig leer. Was willst du, SoylaNi? Continue reading