5 Jahre Winterdepression?

Fünf Jahre ist es her, dass ich an einem grauen Januartag diesen Blogbeitrag schrieb. Umgeben vom inneren und äußeren Grau, doch fest entschlossen, etwas daraus zu machen. Wenn ich heute “Sechs persönliche Tipps gegen Winterdepression” lese, weiß ich, dass ich nicht wirklich weitergekommen bin. Aber ich habe mich auch nicht zurückentwickelt. Und so kämpfe ich weiter wie eine Donya Quijote gegen meine Windmühlen an. En garde!

Hier der Artikel von damals:


Sechs persönliche Tipps gegen Winterdepression

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Böse Zungen werfen meinem Dasein Inkonsistenz und Wankelmut vor. Doch das stimmt nicht! Es gibt Menschen, Gefühle, sogar Interessen, die mich seit langer Zeit begleiten. Hier und heute möchte ich eine meiner treuen Begleiterinnen vorstellen: Vorhang auf für die Winterdepression! Continue reading

Was Vergessen

Ich bin unruhig. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas vergessen habe. Doch ich weiß nicht, was.

Wie standen an der Haltestelle. Du musstest mir noch schnell etwas erzählen. Nur kurz, bevor wir beide in unsere Busse steigen und auseinanderfahren würden. Du räuspertest dich. Es täte dir leid, du hättest es mir vorher sagen sollen. Aber jetzt sei es beschlossene Sache. Nächste Woche würdest du gehen. Es sei ein einmaliges Angebot gewesen. Wie hättest du es ausschlagen können? Mehr und mehr Worte sprudelten aus deinem Mund.

Ich blieb stumm. Innerlich war ich mit einem Satz zurückgesprungen wie ein erschrockenes Pferd. Äußerlich war es wohl nur meine Miene, die sich minimal verzog. Nur minimal. Okay, sagte ich. Verunsichert, gelähmt, rausgefallen aus meiner Rolle der Gutgelaunten, der Optimistin, der Allverstehenden. Doch mit tapferem Lächeln, überschütterlich, unverwüstlich freundlich. Gut. Ich wünschte dir viel Glück.

Dann tauschten wir Belanglosigkeiten aus. Plapperten, was aus unseren Kehlen strömte, eine quälende Endlosigkeit. Als du schließlich die obligatorische Umarmung anstrebtest, erwiderte ich sie voller Erleichterung und empfand nur noch Müdigkeit als ich mich ein letztes Mal umdrehte bevor ich in den schnaufenden Bus stieg, der vor uns anhielt. Du winktest mit einem aufgesetzten Lächeln und ich winkte zurück. Kuss und Schluss. Aus vorbei die Polizei. Ende im Gelände.

Dies alles erscheint mir Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre her.

Doch ich sitze hier und bin unruhig. Was ist es bloß, das ich vergessen habe?

Ich und die alten, weißen Herren

Einmal saß ich mit einer Gruppe alter, weißer Herren* an einem Holztisch im Freien und trank Kaffee. Uns verband nichts als das Warten.

Es ist ein strahlender Sonnentag im Frühjahr und ich wende mein Gesicht und meine Arme der Sonne entgegen, um sie so gut es irgend möglich ist, auszukosten. Der Kaffee ist schwarz und leicht bitter, so wie ich ihn mag. “Milch?” frage ich. “Und Zucker”, antwortet ein alter, weißer Herr. Oder ist es ein anderer? Einerlei.
Wenn man schon an einem Tisch sitzt und wartet, muss man sich auch unterhalten. Das gebietet die Höflichkeit. Daher sagt der eine alte, weiße Herr: “Der Herr A. ist ein Großer in der Branche.” Er deutet auf den alten, weißen Herren neben mir. Dieser fletscht die Zähne und starrt mich an. Ich lächele. Das gebietet die Höflichkeit. “Ich hab schon ganz andere Sachen gemacht. Das ist ja nichts hier!” Mit einer Handbewegung zeigt er auf alles. “Ja, das waren noch Zeiten!” sagt ein weiterer alter, weißer Herr und zündet sich eine Zigarette an. “Ich bin ja eigentlich schon in Rente”, sagt der erste Herr und klatscht sich mit der Hand auf den Oberschenkel, “aber jetzt ist die Zeit, da kann man Geschäfte machen. Es boomt, sag ich, es boomt.” Irgendwo zwitschert ein Vogel. “Also ich trete jetzt kürzer, nicht mehr 80 Stunden sondern 60.” Die alten, weißen Herren prusten, lachen, klopfen sich auf die Schenkel. Sie zwinkern und nicken sich zu. “Oh”, sage ich. Die Höflichkeit? “Meine Frau arbeitet jetzt auch weniger”, ruft ein anderer alter, weißer Herr, “statt acht noch vier Stunden!” Die Herren husten und keuchen vor Vergnügen, geben einander Feuer, zünden weitere Zigaretten an. “Mmh”, brumme ich. Höflichkeit.
“Meine Frau ist auch 10 Jahre jünger als ich”, sagt ein weißer, alter Herr und grinst in die Runde. “Jaaa!” rufen die anderen alten, weißen Herren und dann überschlagen sie sich förmlich. “Meine Frau ist auch 10 Jahre jünger als ich!” “Meine Frau ist 20 Jahre jünger als ich!” “Mein Mann ist auch jünger als ich”, denke ich und schäme mich. Wir schweigen. “Noch Kaffee?” frage ich. Höflich. Zwei alte, weiße Herren knurren. Ein dritter sagt: “Einer geht noch!”
“In Deutschland”, sagt ein alter, weißer Herr, “da kann man keine guten Geschäfte mehr machen.” “Ja, da musst du schon nach Tschechien gehen”, pflichtet ihm der nächste bei. “In Deutschland”, brüllt der dritte, “da zählt die Eule mehr als der Unternehmer!” “Ja, da zahlst du dich dumm und dämlich wegen den Naturschützern,” ätzt der dritte. “Weißt du, was hilft gegen die Eule? Abknallen!” ruft der erste alte, weiße Herr in die Runde, dass ihm der Speichel aus dem Mund fliegt. Dann sieht er mich an und grinst. Ich stehe auf und gehe zur Toilette.
Es ist ein strahlender Sonnentag im Frühjahr und die Bäume sind von zartem Grün überzogen.
Irgendwann hat diese Geschichte ein Ende.
*alter, weißer Herr, der: eine Person, die sich über 3 Dinge definiert. Alt sein im Sinne von Erfahren sein, Weiß sein im Sinne von einen undefinierten Hautton haben, der sie vermeintlich zu einer Gruppe zugehörig macht, Herr sein im Sinne von Herrscher sein.
**Höflichkeit, die: Verhalten, das Menschen an den Tag legen, um die Weltordnung zu manifestieren.

War das wirklich jetzt?

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Von allen großen und unerklärlichen Phänomenen der menschlichen Wahrnehmung ist Zeit wohl das am wenigsten zu begreifende.
Es ist schon eine geraume Weile her, dass ich in meiner mündlichen Abschlussprüfung über den Zeitbegriff bei Aristoteles sprach und mich dem Thema wissenschaftlich annäherte. Diese Zeit in einem sonnigen, staubigen Zimmer an der Universität, die ich mit meinem Professor verbrachte, die Berge von Büchern und Schriften, die ich aus der Bibliothek hinausbalancierte um sie mit dem Zug in eine andere Stadt zu bringen und in einem Dachzimmer an einem Buchenholztisch zu lernen, ist lange vorbei. Meine Erinnerung taucht sie in ein goldenes Licht, bei aller Anspannung einer Studierenden die ich damals sicher hatte, bleibt nur die Wolke der Zeit als Vieles noch vor mir lag und ich das Jetzt zelebrieren konnte, weil ich voller Zuversicht wusste, dass das nächste Jetzt freundlich war. Ich gab mir selber Zeit, mich zu entwickeln, denn meine Zeit lag ja noch vor mir.
Heute denke ich mit Staunen an die langsamen Tage, an denen ich las, schrieb und mich langweilte. Zu voll ist dieses Leben für meine reizoffenen Synapsen, die auf jedes Eichhörnchen reagieren. Ach, wenn es doch Eichhörnchen wären! Die Eichhörnchen sind längst Vergangenheit.

Da sitzt dieses Kind morgens vorm Fernseher, dessen Kindersicherung es zielsicher umgangen hat, macht den Ton leise, damit niemand aufwacht, liegt nur zehn Minuten dort, weil es ein Geräusch aus dem Flur hört, springt wie eine Katze auf und zieht den Stecker, der alles wieder in den Urzustand des schlafenden Wohnzimmers versetzt. Dieses Kind, das Eispapier in der Toilette herunterspült, um die Spuren zu beseitigen, läuft später durch den Wald und klettert auf Bäume, kommt nach Hause und schreibt eine Geschichte in sein kleines, kariertes Tagebuch. Mit pinkem Fineliner.

Was hat das mit der Zeit zu tun? Was mit mir? Sind Erinnerungen wirklich passiert? Philosophische, nicht rhetorische Fragen.

Wie bin ich hierher gekommen?
Durch die Zeit.

Streit

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Streit ist nicht wie Gewitter. So kraftvoll und klar, so eindeutig, unmissverständlich. Sodass man weiß, woran man ist. Wenn dann die Ströme des Regens einsetzen, sind sie nicht wie Tränen. Nichts unterdrückt sie, niemand hält sie auf, wenn sie die Straßen und Wiesen, Häuser und Kühe herunterrinnen, bis der Wind sie versiegen lässt und die Wolken von dannen scheucht. Die Sonne ist kein Taschentuch, sie trocknet nicht nur die Oberfläche, sondern wärmt bis in Glieder und Wurzeln. Jeder Strahl eine Urkraft, jeder Schatten eine Zuflucht. Fliehen und endlich ankommen.

Ich wünschte Streit wäre wie Gewitter.

Wiegehtesdir?

Schöne Dinge dieser Tage 

Bekommen von mir einen Rahmen 

Damit sie nicht auseinander fallen 

Keine Antwort auf diese Frage 

Ist besser als das, was ich sage 

Und Schönes gefällt allen




Wohin ich auch gehe

Der Herbst schenkt Farben und Lichtreflexe, damit man nicht so traurig ist in der Dunkelheit und dem Nebel.

Deswegen ein paar Bilder, die sich aufdrängen, wohin ich auch gehe. Wichtig ist, dass ich man geht.

Gestern hatte ich noch einen lustigen Halloween-Blogbeitrag mit einer eigenartigen Begebenheit in einem Warenhaus geschrieben. Heute ist ein neuer Tag und somit eine neue Stimmung. Der Artikel bleibt ein Draft. Es ist erstaunlich, wie Schreiben und Stimmung zusammenhängen. Man kann versuchen, eine Stimmung zu erzwingen, Musik, Menschen, Orte – sie sind nicht immer zuverlässig doch durchaus geeignet, etwas auszulösen das sich in Tastendrücken, in Kulikreisen ausdrückt. Aber ob es klappt? Das sei dahingestellt.
Es ist Winter und mein Organismus fährt herunter, meine Gedankenspiralen beginnen. Wo kann ich hin, wo kann ich schreiben, wann kommt meine Kreativität zurück?
Gibt es so etwas wie ein unkreatives Jahr?
Wohin ich auch gehe, ich muss mich bewegen.

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Solo

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Engagierte Häuser

Vor mir dehnt sich ein großes weißes Blatt.
Die Unzufriedenheit.
Was ist eigentlich Solidarität?
Nicht rennen, weil andere es nicht können?
Ich fühle mich klein und ohnmächtig ob der schreienden Ungerechtigkeiten. Gehe ein wie eine Balkonpflanze in ihrem Kübel, die gelben Blätter hängen schon. Doch wie kann ich ich sein, wenn ich nicht fröhlich sein darf? Wenn das Lachen erstickt wird in Blut und Gedärmen der Bilder, die ich sehe. Mittags, abends. Und morgens? Bin ich müde und erschöpft. Eine schlaffe Luftmatratze, deren goldene Zeiten lang her sind. Die darauf wartet, in einem Keller kompakt gefaltet in einen Karton verstaut zu werden. Ob sie in der nächsten Saison noch gebraucht wird? Wer weiß, ob sie nicht die nächsten Jahre dort liegen bleibt, zugestellt vom Weihnachtsschmuck und den ausrangierten Barbiepuppen. Es wäre einerlei. So müde bin ich.
Manchmal haben wir Träume. Dann wachsen wir heraus aus dieser Welt durch den Horizont in die Gegenwart. Dann gibt es nichts mehr, was zählt, als zu sein.
Manchmal ist selten. Ein Teil Weltbevölkerung erholt sich am Strand. Der andere besteht nur aus Menschen. Ich strauchle und stehe wieder auf als die Solidarität mich vom Weg stößt.

Eine Liebesgeschichte

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In einer Liebesgeschichte

Dies ist eine Liebesgeschichte. Ich brauche sie nicht zu erzählen, da alle Liebesgeschichten gleich sind. Aber wie lange dauert eine Liebesgeschichte? Bis die Liebe endet? Bis dass der Tod die Liebenden scheidet? Bis über den Tod hinaus? Bis in alle Ewigkeit?

Eine Liebesgeschichte dauert von einer Sekunde bis zu ein paar Stunden. Dann kann eine neue beginnen. Oder nicht. Ich spüre eure zweifelnden Blicke. Der Widerspruch bleibt aus. Schade. Vielleicht seid ihr nicht mehr fünfzehn Jahre alt. Fünfzehn. Ein Alter, in dem noch alles möglich war. Auch die ewige Liebe.

Eine ist vielleicht fünfundzwanzig und hat ihren zweiten Freund. Womöglich würde sie sagen, er sei ihre zweite Liebesgeschichte. Ich möchte sie an den Moment erinnern, als sie ihn zum ersten Mal zum Teufel wünschte, weil er sie versetzt hat und sie allein, gedemütigt zur Abschlussfeier ihres Bruders ging. Als sie zwei Tage nicht miteinander sprachen. Und dann, an einem Mittwoch, stand er vor ihrer Tür. Ohne Blumen, denn dies ist kein Hollywoodfilm, sondern eine Liebesgeschichte. Ihre Liebesgeschichte. Mindestens die dritte. Ein anderer ist achtundvierzig und weiß, sie ist immer noch die Frau, mit der er zusammen sein möchte. Bald sind es zwanzig Jahre. Er findet sie noch wahnsinnig attraktiv. Meistens. Mit ihren Hobbys kann er auch leben. Inzwischen. Hoffentlich ein Leben lang. Jeden Tag neu.

Manche Menschen sind süchtig nach Liebesgeschichten. Sie wollen sie immer und immer wieder erleben, immer wieder erzählen. Sie lauern ihnen auf und stürzen sich drauf. Sie werfen sich rein und lassen sich ein. Für einen langen Moment. Wie lange er dauert, wollen sie nicht wissen. Was danach kommt, haben sie vergessen. Was sind das bloß für Menschen? Sie sind unter uns.

Aber so die Liebe nicht, höre ich euch rufen. Laut und empört. Die Liebe ist sturmerprobt, kennt Licht und Schatten, ist leicht wie eine Feder, zäh wie eine Schuhsohle!
Vielleicht habt ihr Recht. Doch was weiß ich von der Liebe?
Dies ist nur eine Liebesgeschichte.

Going Down

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Wenn unten der Himmel wäre…

 

Je weiter ich unten ankomme

Desto stiller werde ich

Noch habe ich Worte

Um auf andere herabzusehen

Niedrigkeiten verschwinden

Im Rauschen dieser Welt

Morgen hab ich Geburtstag

Da trag ich mein rotes Kleid