Das ist alles etwas viel

Gar nicht so viel. Heute war Sonne.



Ich mache viel. Ich mache wenig. Ich bin ein Klotz. Ich bin ein König.

Gefangen im Raum zwischen den Gedanken der Einen und der Anderen über mich versuche ich herauszufinden, wie ich bin. Dann setze ich mich hin und schreibe. Ich möchte entscheiden, dass heute ein guter Tag war und ich viel geschafft habe. Doch die einen sind länger geblieben und die anderen früher aufgestanden. Dafür habe ich mich heute morgen krank gefühlt. Bin trotzdem zur Arbeit gegangen. Verwegen den Schmerz mit Kaffee hinunter gespült.

“Ich war noch nie krank”, höre ich die Stimme der einen.
“Ich bin selten vor 20 Uhr zu Hause”, sagt ein anderer.

Ich staune. Nie krank. Nie vor acht zu Hause. Da bin ich doch Schreiberin, Philosophin, Lebenskünstlerin und Allesversteherin, aber das bin ich nicht! Nie krank. Nie vor acht zu Hause.

Was ist das Besondere am Viel?

Es findet sich im Aufsichtsrat der DAX-Konzerne und im Schweigekloster. Im Sandkasten und im Seniorenkreis. Bei Rohköstlern und Alkoholikern.

Selbst die, die sich von ihm distanzieren, beschäftigen sich mit ihm. Was ist viel? Was ist zu viel?

Während ich noch versuche, mich heute Abend mit einem gut gemacht und genug gemacht zu beurteilen, trinke ich ein Glas Tee. Denke noch mal an die einen und die anderen.
Viele machen ziemlich viel.

Heimkommen

Wurzeln

Es beginnt mit dem Gefühl, das einsetzt, wenn ich die Ansage höre. Eine Stunde noch bis zur Landung. Manchmal ist es im Bauch. Meistens ist es im Hals. Ich schlucke. Ich atme stärker. Schlucke wieder. Sehe aus dem Fenster. Manchmal sehe ich Wolken. Manchmal die Dunkelheit. Es ist nicht wichtig, was ich sehe. Es ist wichtig, dass ich sehe. Und dass ich es weiß. Dieser Himmel ist über Zuhause.
Meistens lehne ich mich dann wieder zurück. Blättere genüsslich eine Seite des Buches um, das ich gerade lese. Drücke meinen Kugelschreiber auf das karierte Papier meines Tagesbuches. Krame in meiner Tasche, ob sich noch ein Riegel finden lässt. Schokolade oder Energie – egal, ich kann beides gebrauchen. Manchmal entdecke ich den Nachtisch vom Flugmenü, eingeschweißte cremefarbene Küchlein, die süß und nichtig schmecken. Wenn ich die Folie aufreiße und hineinbeiße, fühle ich mich unbeschreiblich gut. Es ist nicht der kulinarische Genuss, es ist der Geschmack, der sagt: Bald bist du da!
Dann werde ich aufgeregt. Es hüpft in meinem Bauch. Ich strecke meinen Rücken, meine Arme und Beine, kreise meine Schultern zurück. Der Sinkflug beginnt.
Es sind die kleinen Häuser, gleichmäßig verteilt in einer flachen Landschaft, die mir sagen, dass ich zu Hause bin. Das Patchwork-Muster in Erdtönen, die jetzt von blassem Gelb und Grün durchbrochen werden. Die Flüsse, die sich schlängeln, und Seen, die verstreut sind. Als hätte jemand weit in der Ferne einen Eimer Wasser ausgeschüttet. Dies sind seine letzten Rinnsale, seine letzten Tropfen. Und ich bin einer von ihnen. Anders als der Rest der Böden. Aber dennoch gehöre ich hier her.
Wenn ich aus dem Fenster des Flugzeuges schaue, bin ich wie ein Vogel. Dann kann ich mit Distanz betrachten, wovon ich sonst ein Teil bin. Könnte man doch über sein Leben fliegen! Sich selbst als Ganzes sehen! Schrecklich und schön. Wie Zuhause.