Wenn die Milch kalt wird

Ich sitze auf dem Stuhl. Das würde ich nicht wahrnehmen in einem anderen Moment. Doch jetzt ist es ein Teil meines Lebens, weil die Milch kalt wird. Ich spüre das Holz unter meinem Po und die Spannung in jeder Körperzelle. Jede Millisekunde. Ich starre auf den Becher. Fixiere das Weiß mit den Augen, das eine faltige Haut bildet.

Die Milch darf nicht kalt werden.

Wenn die Milch kalt ist, dann ist es zu spät.

Hätte ich die Milch nicht gekocht, wärst du aufgewacht und hättest keine Milch gehabt.

Würde ich dich wecken…

Die Uhr tickt an der Wand. Auf der Sofalehne legt sich der Staub ab, der vorher wie in Zeitlupe glitzernd und leicht im Sonnenlicht durch den Raum schwebte.

Du liegst reglos auf dem Sofa. Ich sitze gerade auf dem Stuhl.

Die Milch wird kalt.

Eine gepflegte Frau

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Er ist weg. Wie es mir jetzt geht? Ich weiß es nicht. Ich muss wohl lernen mir selbst genug zu sein. Was das bedeutet? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht so viel. Er war immer da. Er wusste immer viel. Wir… Sind… Waren… Siebzehn Jahre verheiratet und das ist eine lange Zeit, nein, keine Kinder! Ich wollte… doch… Es hat nicht geklappt. Ihm war es auch nicht so wichtig. Das Wichtigste war sein Beruf. Er ist… Er ist… Er ist unglaublich… Er ist unglaublich gut. Er ist unglaublich schlau. Gebildet. Zielstrebig. Er musste es tun. Und er brauchte jemanden, der ihm den Rücken frei hält. Er brauchte mich. Er ist nicht schuld. Er war nicht gemein. Er hat mich nicht verlassen, aber… Wir haben uns halt getrennt. So eine Trennung kann passieren. So eine Trennung kommt überall mal vor. Wenn Sie mich jetzt fragen, ob ich bereue… dann… mmh… Sie sehen, ich zögere. Aber nein! Ich bereue es nicht. Es waren wunderschöne siebzehn Jahre. Voller Lachen. Voller Freude. Am Ende… Ja, am Ende waren das Lachen und die Freude nicht mehr da. Ich bin ihm langweilig geworden. Und das wundert mich nicht. Ich bin mir selbst langweilig geworden. Ich sehe in den Spiegel und sehe eine Frau, die sich pflegt. Eine gepflegte Frau, die sich schminkt. Die ihre Falten bemalt. Die ihr Lächeln studiert. Die ein Haus hat, in dem sie… kocht… putzt, telefoniert, Freundinnen empfängt. Ja, ich habe es geschafft, Freundinnen zu finden. Es fiel mir nicht leicht. Er sprach Englisch viel besser als ich. Ich hatte zwar keine Arbeitserlaubnis… doch…ich war eigentlich ganz froh darüber. Ich war eigentlich ganz froh darüber. Ich hatte studiert, sicher. Abschluss mit 1,5. Aber ich wusste es immer. Ich wollte mit ihm zusammen sein. Im Ausland arbeiten? Eine Stimme in mir wollte es. Sie sagte sowas wie: „Du kannst es auch schaffen!“ Doch da war auch die andere Stimme, die sagte: „Nein, mach es euch zu Hause nett.“ Er verdiente ja. Er verdiente gut. Er verdiente immer besser. Wie hätten uns eine Putzhilfe leisten können… Aber warum?
Der Hund ist letzten Sommer gestorben. Wir waren beide sehr traurig. Wir hatten ihn doch seit er ein Welpe gewesen war. Aber es ist wohl besser so. Denn, wer hätte den Hund nehmen sollen? Einer muss doch den Hund nehmen!

Sie schluchzt.

Entschuldigen Sie bitte! So ein… So ein absurder Gedanke! Absurd! Der Hund ist ja tot.
Wissen Sie, wie alt ich bin? Achtundvierzig…
Ja, was macht man mit 48 in einem Land, in das man nur gegangen ist für die Karriere des Mannes? Des Ehemannes. Das klingt nach dem 50er Jahren, aber wir haben 2015! Es ist 2015 und ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich kenne die Zahlen auf meinem Rentenbescheid. Ich bekomme vielleicht 350 Euro Rente… Ja, ich weiß. Er wird mich irgendwie unterstützen, aber… aber ich bin ja… aber ich bin ja noch keine Rentnerin! Was ich studiert habe? Biologie. Ich habe studiert und danach promoviert. Jetzt sehen Sie mich nicht ungläubig an! Ich bin nicht so blöd wie Sie denken! Entschuldigung. Entschuldigen Sie. Das ist mir so rausgerutscht. Aber manchmal hatte ich das Gefühl, die Leute sehen mich so an. Nur weil ich zu Hause bin. Hausfrau bin. Die Frauen, die arbeiten, meine ich. Es gibt nicht mehr so viele von uns. Frauen, die zu Hause sind.
Es ist schon seltsam. Alle träumen von der großen Liebe. Für die man bis ans Ende der Welt geht. Doch wenn man es dann tut, sehen sie einen schief von der Seite an.
Ich weiß gar nicht, was ich Ihnen noch erzählen soll! Ich finde dieses Gespräch so…nichtssagend.

Sie schweigt.

Wie in den letzten Jahren mit meinem Mann. Er war müde. So müde.

Sie schweigt.

Frau Müller, vielen Dank, aber ihre Zeit ist um!

Sie steht auf.

Oh, wirklich? Dann vielen Dank. Schönen Tag Ihnen, Doktor.

Frau Mond fährt los

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Früher oder später spuckt einen das Loch wieder aus, in das man gefallen ist. Dann kommen einem plötzlich Ideen, die man lange abgetan hatte und Träume lassen sich mit Worten benennen. Vielleicht an einem Tag im Spätsommer an dem sich die Blätter vor Hitze golden kräuseln. Einem Tag, an dem weiße Schäfchen unschuldig am blauen Himmel grasen. Einem Tag, an dem das Telefon schweigt.

Es war so ein Tag, an dem Luna vom Sofa aufstand und ihr rostiges Fahrrad aufschloss. Der lange Sommerregen hatte ihm zugesetzt und der Schlüssel wollte sich zunächst nicht umdrehen lassen. Während sie an dem Eisenschloss rüttelte, zog sie die Blicke der Passanten auf sich. Ängstliche Übermütter mit sauberen Kleinkindern, Anzugträgermänner und Sonnenbrillenteenager musterten sie mit verstohlenem Interesse. Sie sahen eine Frau, die sich etwas nahm, das ihr gehört, waren aber noch nicht bereit gänzlich zu akzeptieren, dass dies seine Richtigkeit hatte. Wer sich energisch etwas anzueignen versucht, wird oft hinterfragt, wenn er nicht eine überbordende Selbstverständlichkeit an den Tag legt. Doch Luna war ins Leben katapultiert worden und sie hatte beschlossen, die Herausforderung anzunehmen. Mit ein wenig Spucke brachte sie das eingerostete Schloss zur Räson und der Schlüssel ließ sich herum drehen. Sie schwang sich auf den harten Sattel und drückt die rechte Pedale herunter.

Dann fuhr Luna los. Sie wusste nicht, wohin, genauso wenig wie dieser Text. Doch der Weg war das Ziel und jede Bewegung Mittel zum Zweck. Und ihre Haare wehten noch lange im Wind als die Sonne vom ersten Herbststurm abgelöst worden war. Vielleicht bis zum nächsten Schlagloch. Oder darüber hinaus.

Er frittiert

ipp

Und eine Welt entsteht

Er frittiert.
Möchtest du Kartoffelrösti, fragt mein Schatz.
Er sagt natürlich nicht Kartoffelrösti. Er sagt Pommes.
Zwei, sage ich. Gehe ins Schlafzimmer. Lege dort Wäsche zusammen. Schneller, schneller. Lege die Sachen in den Schrank. Bin nicht akkurat.
In der Küche knistert und knackt es.
Pommes sind fertig, sagt mein Schatz.
Ich fege den Staub unter das Bett.
Kommst du essen?
Wir sind Zeitreisende zwischen den Welten.

Camino del Sol!

Camino del sol

Camino del sol

Ich schlug die Augen auf und war verliebt. Genauso verliebt wie gestern. Neben mir war alles wie gestern. Heute war gestern! Gestern war heute! Play! Und die ersten Töne! Der Beat! Die Melodie! Ihre Stimme, hauchig und zart. Camino del Sol! Hotel Palm Beach! Air Florida!

Es war ein kalter, blauer Morgen doch ich lief nackt ans Fenster und riss es weit auf, beugte mich hinaus und jubelte.

Ich war verliebt in ein Lied!

War ich nicht viel zu müde um mich zu bewegen? Nein, ich wollte den Weg der Sonne tanzen! Ich sprang! Ich hüpfte! Ich schwang die Arme! Ungelenk. Ich stieß mich am Schrank! Ein Schmerz! Und Au! Mein Schrei! Und ich lachte! Tanzte am Schreibtisch vorbei zur Tür. Den schmerzenden Arm an mich gepresst. Der Schmerz war da und ich lebte! Und das Leben war wunderbar!

Elle: cadre agréable, sauna, bains de vapeurs!

Im Treppenhaus polterte es. Jemand stampfte die Treppen hoch. Er stampfte zum Beat von Camino del Sol. Ich kicherte. Camino del Sol, Hotel! Meine Knie schwangen, meine Hände klatschten, meine Füße stampften auch. Palm Beach! Air Florida!

Der Tür ging auf, es war Jan.

Du bist nackt, sagte er.

Camino del Sol, sang ich.

Mach mal leiser, ich will pennen, sagte er.

Air Floridaaaa, sang ich.

Jan grinste gequält, schüttelte den Kopf und zog die Tür hinter sich zu.

Die Sonne schien.

Die Sonne scheint.

Ich bin verliebt!

Camino del Sol!

Die Pappe

Ansichtssache

Ansichtssache

Sie war schon immer chaotisch gewesen. Doch dieses Mal taumelte ich fast zurück, als ich ihr Zimmer betrat. Ein modriger Geruch stieg beißend in meine Nase. Alter Käse, feuchte Erde, fauliges Obst. Für einen kurzen Augenblick überlegte ich, auf dem Absatz kehrt zu machen. Die fünf Treppen wieder herunter zu gehen. Die Tür vorsichtig, aber bestimmt hinter mir zuzuziehen und den Schlüssel in den Briefkasten zu stecken. In meinen Kleinwagen zu steigen. Vielleicht vor Aufregung zu vergessen, mich anzuschnallen und dann von der Elektronik des Fords daran erinnert zu werden. Den Blinker zu setzen, loszufahren, die Stimme meines Mannes im Ohr: „Sie ist erwachsen. Misch dich nicht ein.“
Stattdessen atmete ich aus, krempelte die Ärmel hoch und legte los. Zuerst öffnete ich die Fenster. Draußen nieselte es fein, aber es wehte nicht. Die Topfpflanze auf der Fensterbank machte einen jämmerlichen Eindruck. Als ich sie zum Waschbecken trug, um sie zu gießen, fiel mir das ausgeblichene Schleifenband auf, das um das zarte Stämmchen gewickelt war. Ein Pappanhänger verriet, was ich vergessen hatte: Alles Gute zum Geburtstag, Mama. Die Pflanze war ein Geschenk von mir. Ich wässerte sie und stellte sie zurück auf die Fensterbank. Dann begann ich mit der Arbeit.
Wie immer hatte ich eine Rolle Müllsäcke dabei, in der Mitte des Raumes platzierte ich drei von ihnen und begann den Müll, der Böden, Schränke und Regalbretter bedeckte, systematisch in die Säcke zu sortierten. Es dauerte den ganzen Vormittag. Gegen 14 Uhr war ich fast fertig und am Ende meiner Kräfte. Das Stechen in der Schulter war kaum zu ignorieren. Langsam fuhr ich mit einem feuchten Lappen über den Tisch, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde.
„Was machst du hier?“
Ihre Augen waren die blaue Murmeln, rund und ausdruckslos. Ihre Stimme so kalt, dass mir ein Schauer über den Rücken lief.
„Das Gleiche könnte ich dich fragen. Du solltest in der Klinik sein. Aber hallo erstmal!“
Meine Stimme klang heiser und als ich auf sie zuging um sie zu umarmen, war sie steif wie ein Brett.
„Setz dich doch, ich habe ein wenig Ordnung gemacht und die Heizung angestellt. Wenn du wiederkommst, musst du nicht in dieses kalte, schmutzige Loch…“
Ich traute mich kaum, sie anzusehen, doch sie schien einverstanden zu sein. Sie nickte. Setzte sich auf einen Stuhl. Fuhr mit ihrer dürren, roten Hand über die glatte Tischplatte, die ich gerade gewischt hatte. Ich atmete auf und begann, die Müllsäcke zu verknoten.
„Wollen wir vielleicht etwas einkaufen gehen? Dein Kühlschrank ist…“
Mehr konnte ich nicht sagen, denn mit einem Satz war sie aufgesprungen und packte mich hart bei den Schultern.
„Wo ist die Pappe?“ schrie sie mich an.
Speicheltropfen landeten in meinem Gesicht, Fingernägel krallten sich in mein Fleisch und Angst fuhr wie ein Messer in meine Brust.
„Welche Pappe? Lass mich los, du tust mir weh!“
„Wo ist die Pappe???“
Sie schüttelte mich. Ich war viel zu erschrocken, um mich zu wehren. Dann stieß sie mich zu Boden. Ich landete auf einem Müllsack, der meinen Fall dämpfte. Schmerzhaft war es trotzdem. Ich schrie auf. Ein kümmerlicher, hoher Schrei kam aus meiner Kehle, der mir seltsam fremd vorkam. War das wirklich ich, die da geschrien hatte?
Als ich hastig meine sieben Sachen zusammenraffte und die Wohnung verließ, war meine Tochter bereits dabei, die Plastiksäcke auszuschütten und im Müll herumzuwühlen. Auf der Suche nach der Pappe.
Ich weinte nicht, als ich die Treppe herunter ging.

Du bist schuld

Mein Computer und ich

Mein Computer und ich

Du bist schuld. Ich sitze hier. Mit trockener Kehle. Ich stehe nicht auf. Ich höre den Lärm meiner Musik. Das Kreischen des Sängers schmerzt in meinem Hals, ein wohliges Gefühl. Und auch wenn das Wasser nur zwanzig Zentimeter weit weg ist, ich gebe nicht nach. Du bist schuld.

Die Verbindung lässt nach. Warum sollte sie aufrecht sein, wen kann ich erreichen? Lachen, dieses Lachen von Graf Zahl aus der Sesamstraße. Schießt durch meinen Kopf. Schreiben unter Leidensdruck. Jetzt melancholisch. Lou Reed, Just a perfect day. For this perfect silence. Schön allein vorm PC. Das ist, was es ist. Sie ist wieder da, sie ist schwach. Nein, nicht sie! Die Verbindung. Hahaha, hahaha, hahahaha!

Der Tisch wackelt, der Wasser wackelt in seiner Flasche so verlockend klar und sauber. Würde den Staub töten, die Schwere davon spülen. Du kannst besser schreiben als ich. Sogar das.
Du hast ein Handy, aber auch nicht so sehr, dass ich dich anrufen könnte, wenn ich dich hören will, denn du bist unabhängig, bist nicht der Sklave deines Telefons, wer dich erreichen will, der wird dich schon erreichen. Ich kratze mir die Zunge mit den Zähnen, das fördert den Durst. Ich bleibe jetzt wach, verdammt, ich bleibe jetzt wach, ich bleibe wach, ich rufe dich an, bis du da bist, bis du ran gehst. Du bist schuld.

10 Jahre alt ist dieses Fragment. Hier flüchtig poliert als Shortstory. Ich mag’s. Der schöne, ehrliche Wahnsinn der Jugend. Noch verdammt nah.

Was nicht

Run Run Run

Run Run Run

Als sie inne hielt, um zu atmen, berührte ich sie am Arm und sagte:

„Hallo.“

Sie drehte sich zu mir und lächelte. Schwieg und lächelte.

Ich fragte sie:

„Warum läufst du so schnell?“

Sie schüttelte nur den Kopf, als hätte ich eine sehr dumme Frage gestellt.

„Verzeih mir“, sagte ich beschämt.

Da schüttelte sie erneut den Kopf, als wäre meine Aussage noch viel dümmer. Ihre Brust hob und senkte sich.

„Schhhh…“ sagte ich. Wollte sie beruhigen. Mit einem Geräusch. Denn jede Geste konnte sie von mir entfernen. Sie trat einen Schritt zurück, aber blieb stehen und sah mich nachdenklich an.

„Wo kommst du her?“ fragte ich.

„Von dort“, sagte sie langsam und deutete mit einer schwachen Geste hinter sich.

„Was ist dort?“ fragte ich begierig.

„Ich möchte gern darüber reden“, sagte sie. Schwieg.

Und schwieg.

Und schwieg.

„Wo willst du hin?“ schrie ich und schüttelte sie wie eine Puppe. Sie reagierte nicht. Sah mich nur an. Ihre Augen wie Fische. Ihre Haare wie Spinnenweben.

Ich ließ sie los, sah dass sie sich den Arm rieb. Ich hatte sie verletzt.

Langsam hob sie wieder den Blick. Schwieg. Lächelte.

„Ich möchte dir so gerne nah sein“, wimmerte ich und weinte Krokodilstränen, Kaninchentränen.

Da trat sie auf mich zu und drückte mich an sich und ich roch den Duft von frischgestampften Kartoffelbrei mit Butter, Heckenrose in der Abendsonne und Desinfektionsmittel.

Nach einer Ewigkeit löste sie sich langsam, aber bestimmt. Sah mich an. Tieftraurig. Streckte sich. Die Arme in der Luft. Lächelte. Lächelte breiter. Lachte. Schüttelte sich. Lachte lauter. Beruhigte sich wieder. Atmete. Lief davon ohne sich umzudrehen.

Ordnungen

Tiefe

Tiefe

„Kuck se dir an! Das isse, Junge, das isse!“
„Ja, Mann!“
„Alter Schwede, dieser Arsch! Der gehört echt verboten, ey!“
„Ja, Mann! Ich weiß!“
„Und wer macht se am Ende klar? Der Schmidt. Es is immer der Schmidt!“
„Scheiß auf den Schmidt! Wo isser denn?“
„Anna Theke, holt noch n Bier. Wenner nich schon an ihr dran is.“
„Abwarten, sach ich. Willste auch noch eins?“
„Bring rüber.“

Ich schwanke. Könnte mich schon festhalten. Muss ich aber nicht, noch nicht. Reiß dich zusammen, Mann! Was für ein Penner, der Jansen! Der säuft Liter um Liter und zuckt nicht mal mit der Wimper. Und der Schmidt, dieser Hundesohn, der soll gefälligst bleiben wo der Pfeffer wächst und seine Dreckspfoten von Dorothea lassen. Ich hab sie entdeckt. Ich hätte einfach meinen Mund halten sollen. Aber wer kann das schon. Bei so einer Frau. Und das hab ich jetzt davon. Aber sie gehört mir, verdammt! Mir!

Eine normale Geschichte

So near.

So near.

Das Gebäude ist groß und seine Front komplett verspiegelt. Wenn die Sonne günstig fällt, kann man einzelne Büros und ein paar mächtige Schreibtische vor den Fenstern erkennen. Wenn ich mit meinen kleinen, grünen Lederpumps die Marmortreppen heraufklappere, komme ich mir immer besonders hübsch und wichtig vor. Wie ein Teil einer exklusiven Welt, in der es nur Reichtum, Erfolg und Macht gibt. Oft zwickt mich dann mein modischer Blazer und erinnert mich daran, wer ich bin. Eine Besucherin in dieser Wunderwelt. Mit einem Blazer von H&M aus dem Sonderangebot. Meistens ziehe ich dann den Bauch ein, drücke die Brust heraus, straffe die Schultern und hebe den Kopf, strecke meine kurze Stupsnase ein klein wenig in die Höhe und sauge den penibelsauberen Geruch ein, der aus der riesigen Schwingtür strömt. Dann öffnet die Firma ihren riesigen Schlund und kostet mich, kaut kurz auf mir herum und spuckt mich nach drei Stunden gelangweilt wieder aus. Das ignoriere ich jedoch mit allem mir gebliebenen Stolz und stolziere die Marmortreppen aufrecht wieder hinunter. Ich gehöre hier her. Ich habe ein Recht, hier zu sein. Kurz darauf quetsche ich mich in einen der überfüllten Busse, zunächst noch zwischen andere Sonnenseitler des Lebens, nach einer halben Stunde nur noch zwischen meinesgleichen. Studenten, Jobber, Alleinerziehende, Hippies, Penner und einfach stinknormale Leute mit einer stinknormalen, schlechtbezahlten Arbeit, die grade so viel Geld einbringt, dass man sich Wohnung, Lebensmittel und ein extra Feierabendbier leisten kann. Putzen suckt!