Was Vergessen

Ich bin unruhig. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas vergessen habe. Doch ich weiß nicht, was.

Wie standen an der Haltestelle. Du musstest mir noch schnell etwas erzählen. Nur kurz, bevor wir beide in unsere Busse steigen und auseinanderfahren würden. Du räuspertest dich. Es täte dir leid, du hättest es mir vorher sagen sollen. Aber jetzt sei es beschlossene Sache. Nächste Woche würdest du gehen. Es sei ein einmaliges Angebot gewesen. Wie hättest du es ausschlagen können? Mehr und mehr Worte sprudelten aus deinem Mund.

Ich blieb stumm. Innerlich war ich mit einem Satz zurückgesprungen wie ein erschrockenes Pferd. Äußerlich war es wohl nur meine Miene, die sich minimal verzog. Nur minimal. Okay, sagte ich. Verunsichert, gelähmt, rausgefallen aus meiner Rolle der Gutgelaunten, der Optimistin, der Allverstehenden. Doch mit tapferem Lächeln, überschütterlich, unverwüstlich freundlich. Gut. Ich wünschte dir viel Glück.

Dann tauschten wir Belanglosigkeiten aus. Plapperten, was aus unseren Kehlen strömte, eine quälende Endlosigkeit. Als du schließlich die obligatorische Umarmung anstrebtest, erwiderte ich sie voller Erleichterung und empfand nur noch Müdigkeit als ich mich ein letztes Mal umdrehte bevor ich in den schnaufenden Bus stieg, der vor uns anhielt. Du winktest mit einem aufgesetzten Lächeln und ich winkte zurück. Kuss und Schluss. Aus vorbei die Polizei. Ende im Gelände.

Dies alles erscheint mir Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre her.

Doch ich sitze hier und bin unruhig. Was ist es bloß, das ich vergessen habe?

Ich und die alten, weißen Herren

Einmal saß ich mit einer Gruppe alter, weißer Herren* an einem Holztisch im Freien und trank Kaffee. Uns verband nichts als das Warten.

Es ist ein strahlender Sonnentag im Frühjahr und ich wende mein Gesicht und meine Arme der Sonne entgegen, um sie so gut es irgend möglich ist, auszukosten. Der Kaffee ist schwarz und leicht bitter, so wie ich ihn mag. “Milch?” frage ich. “Und Zucker”, antwortet ein alter, weißer Herr. Oder ist es ein anderer? Einerlei.
Wenn man schon an einem Tisch sitzt und wartet, muss man sich auch unterhalten. Das gebietet die Höflichkeit. Daher sagt der eine alte, weiße Herr: “Der Herr A. ist ein Großer in der Branche.” Er deutet auf den alten, weißen Herren neben mir. Dieser fletscht die Zähne und starrt mich an. Ich lächele. Das gebietet die Höflichkeit. “Ich hab schon ganz andere Sachen gemacht. Das ist ja nichts hier!” Mit einer Handbewegung zeigt er auf alles. “Ja, das waren noch Zeiten!” sagt ein weiterer alter, weißer Herr und zündet sich eine Zigarette an. “Ich bin ja eigentlich schon in Rente”, sagt der erste Herr und klatscht sich mit der Hand auf den Oberschenkel, “aber jetzt ist die Zeit, da kann man Geschäfte machen. Es boomt, sag ich, es boomt.” Irgendwo zwitschert ein Vogel. “Also ich trete jetzt kürzer, nicht mehr 80 Stunden sondern 60.” Die alten, weißen Herren prusten, lachen, klopfen sich auf die Schenkel. Sie zwinkern und nicken sich zu. “Oh”, sage ich. Die Höflichkeit? “Meine Frau arbeitet jetzt auch weniger”, ruft ein anderer alter, weißer Herr, “statt acht noch vier Stunden!” Die Herren husten und keuchen vor Vergnügen, geben einander Feuer, zünden weitere Zigaretten an. “Mmh”, brumme ich. Höflichkeit.
“Meine Frau ist auch 10 Jahre jünger als ich”, sagt ein weißer, alter Herr und grinst in die Runde. “Jaaa!” rufen die anderen alten, weißen Herren und dann überschlagen sie sich förmlich. “Meine Frau ist auch 10 Jahre jünger als ich!” “Meine Frau ist 20 Jahre jünger als ich!” “Mein Mann ist auch jünger als ich”, denke ich und schäme mich. Wir schweigen. “Noch Kaffee?” frage ich. Höflich. Zwei alte, weiße Herren knurren. Ein dritter sagt: “Einer geht noch!”
“In Deutschland”, sagt ein alter, weißer Herr, “da kann man keine guten Geschäfte mehr machen.” “Ja, da musst du schon nach Tschechien gehen”, pflichtet ihm der nächste bei. “In Deutschland”, brüllt der dritte, “da zählt die Eule mehr als der Unternehmer!” “Ja, da zahlst du dich dumm und dämlich wegen den Naturschützern,” ätzt der dritte. “Weißt du, was hilft gegen die Eule? Abknallen!” ruft der erste alte, weiße Herr in die Runde, dass ihm der Speichel aus dem Mund fliegt. Dann sieht er mich an und grinst. Ich stehe auf und gehe zur Toilette.
Es ist ein strahlender Sonnentag im Frühjahr und die Bäume sind von zartem Grün überzogen.
Irgendwann hat diese Geschichte ein Ende.
*alter, weißer Herr, der: eine Person, die sich über 3 Dinge definiert. Alt sein im Sinne von Erfahren sein, Weiß sein im Sinne von einen undefinierten Hautton haben, der sie vermeintlich zu einer Gruppe zugehörig macht, Herr sein im Sinne von Herrscher sein.
**Höflichkeit, die: Verhalten, das Menschen an den Tag legen, um die Weltordnung zu manifestieren.

Im Käfig

Meine Wut ist unbändig wie ein wildes Tier, das zu lange in einem Käfig eingesperrt war und jetzt befreit wird und vor seinem Wärter steht.

Sie wird ihn zerreißen oder ersticken in der Enge ihrer Zelle.

Ach Wut, du bindest, du lässt nicht los!

Doch der Tag scheint silbern am Horizont, der die Nacht ablösen wird.

Eines Tages werde ich frei sein.

Alltags Geschichten

Ich soll meine Geschichte also hier erzählen. Aber wo soll ich anfangen, wenn jeder Tag ein Roman und jede Liebe ein Gedicht ist?

Dazwischen liegen Ewigkeiten mit Onlinewerbung. Höhen aus gestapelten Reklameblättern und Zigarettenblättchen, die vom Winde verweht ihre Botschaft bedeutungslos werden ließen.

Der Alltag ist fad. Wir denken täglich zu 80% das gleiche wie am Tag zuvor, offenbarte ein Trainer in einem Führungskräfteseminar. Ich dagegen denke, das in jedem Gedanken eine Geschichte liegt, die nur darauf wartet zum Leben erweckt zu werden. Jede ein bisschen anders.

So erzähle ich heute eine Geschichte von einem Mann, der ein guter Freund sein wollte. Jeden Tag verbrachte er viel Zeit damit, Kontakte zu pflegen, zu telefonieren, zu schreiben und natürlich Menschen zu treffen. Morgens früh zu Terminen zu begleiten, abends die letzten Biergläser in die Küche zu tragen. An manchen Nachmittagen saß er mit seiner Familie zusammen, gerade vertieft in gemeinsame Aktivitäten und das Telefon klingelte mehrfach. Seine Frau und seine Kinder versahen ihn mit genervten Blicken, wenn er jedesmal seufzte, aber dennoch pflichtbewusst abhob und für die großen und kleinen Sorgen seine Freunde da war. Freundschaft, pflegte er zu sagen, ist ein hohes Gut. An manchen Tagen jedoch, schloss sich der Mann ein, zog die Decke über den Kopf und wollte niemanden sehen. Oft ging dem voraus, dass seine Freunde seinen Erwartungen nicht gerecht geworden waren. Dann ignorierte er die Anrufe und schimpfte, es gäbe keine echte Freundschaft mehr und er sei dumm, dass er sich so behandeln ließe. Am nächsten Tag jedoch, kehrte er mit finsterer Miene aus der Isolation, setzte sich wieder an den Frühstückstisch. Ein paar Tage später hörte man ihn wieder telefonieren und nach einer Woche schleppte er wieder Umzugskisten und erledigte Steuererklärungen.

Und die Moral von der Geschicht. Keine.

Nur eine Frage: Was ist ein guter Freund?

War das wirklich jetzt?

img_20151031_162148-23500803115317354298.jpg

Von allen großen und unerklärlichen Phänomenen der menschlichen Wahrnehmung ist Zeit wohl das am wenigsten zu begreifende.
Es ist schon eine geraume Weile her, dass ich in meiner mündlichen Abschlussprüfung über den Zeitbegriff bei Aristoteles sprach und mich dem Thema wissenschaftlich annäherte. Diese Zeit in einem sonnigen, staubigen Zimmer an der Universität, die ich mit meinem Professor verbrachte, die Berge von Büchern und Schriften, die ich aus der Bibliothek hinausbalancierte um sie mit dem Zug in eine andere Stadt zu bringen und in einem Dachzimmer an einem Buchenholztisch zu lernen, ist lange vorbei. Meine Erinnerung taucht sie in ein goldenes Licht, bei aller Anspannung einer Studierenden die ich damals sicher hatte, bleibt nur die Wolke der Zeit als Vieles noch vor mir lag und ich das Jetzt zelebrieren konnte, weil ich voller Zuversicht wusste, dass das nächste Jetzt freundlich war. Ich gab mir selber Zeit, mich zu entwickeln, denn meine Zeit lag ja noch vor mir.
Heute denke ich mit Staunen an die langsamen Tage, an denen ich las, schrieb und mich langweilte. Zu voll ist dieses Leben für meine reizoffenen Synapsen, die auf jedes Eichhörnchen reagieren. Ach, wenn es doch Eichhörnchen wären! Die Eichhörnchen sind längst Vergangenheit.

Da sitzt dieses Kind morgens vorm Fernseher, dessen Kindersicherung es zielsicher umgangen hat, macht den Ton leise, damit niemand aufwacht, liegt nur zehn Minuten dort, weil es ein Geräusch aus dem Flur hört, springt wie eine Katze auf und zieht den Stecker, der alles wieder in den Urzustand des schlafenden Wohnzimmers versetzt. Dieses Kind, das Eispapier in der Toilette herunterspült, um die Spuren zu beseitigen, läuft später durch den Wald und klettert auf Bäume, kommt nach Hause und schreibt eine Geschichte in sein kleines, kariertes Tagebuch. Mit pinkem Fineliner.

Was hat das mit der Zeit zu tun? Was mit mir? Sind Erinnerungen wirklich passiert? Philosophische, nicht rhetorische Fragen.

Wie bin ich hierher gekommen?
Durch die Zeit.

Währenddessen

Währenddessen sitzen irgendwo zwei Menschen auf einem Sofa und entspannen sich. Sie haben gerade zu Abend gegessen. Spaghetti mit Soße, weil es heute schnell gehen sollte, aber trotzdem lecker sein. Jetzt sind sie satt, haben den Fernseher angestellt und sehen das Abendprogramm Nicht sehr konzentriert, weil sie sich lebendig unterhalten. Wenn du die Ohren spitzt, kannst du verstehen, wie sie die Sendung ironisch kommentieren, die Sprecher imitieren, aber meistens wirst du bei dem prasselnden Regen nur ihr Gelächter anschwellen und wieder verebben hören.

Ja, dieser Regen, der zieht einem durch Mark und Bein. Die Jacke liegt schon wie ein Sack klatschnass auf meinen Schultern. An der Vorderseite laufen Bächlein herab. Ist angeblich wasserabweisend, die Jacke. Stattdessen friere ich, meine Muskeln sind kalt, mein Körper starr und unbeweglich. Ein vorsichtiger Versuch, den Arm zu bewegen ist noch von Erfolg gekrönt als ich mir die nassen Haare aus dem Gesicht wische, doch meine Beine bewegen sich nicht. So muss ich wohl hier stehen bleiben. Aber das ist nicht so schlimm. Ich lehne mich einfach zurück an die Wand zu der ich mit dem Rücken stehe und denke an das, was währenddessen wohl geschieht.

In der Wüste

Ich bin in der Wüste des Wartens am Anfang meines Weges. Der Sand knirscht zwischen meinen Zähnen, wenn ich kaue. Wenn ich mir die Lippen lecke, rollen die Körnchen meine Zunge herunter. Das Kratzen der Steinchen, die an meinem Gaumen kleben bleiben als Knistern mit salzigem Geschmack. Das Wasser ist in Sicht, doch bleibt Illusion. Meine Wüste ist der Weg, der sich nicht zeigt in meiner eindeutigen Welt. Das Salz ist mir doch so wichtig wie die Suppe.

Mann, bist du emotional

ipp

Far from victory

Da stehst du vor mir und fuchtelst mit den Händen. Willst gesehen werden. Jetzt. Sofort.

Du bist nicht zu übersehen. Wenn du lachst, nimmst du den Raum ein. Wenn du weinst, gibt keiner einen Laut von sich. Alle sehen betreten zur Seite.

Was hat er denn jetzt schon wieder, fragt ein Kollege genervt.

Keine Ahnung, sage ich seufzend. Dabei kennen wir die Antwort.

Aufmerksamkeit heißt sie.

Und die holst du dir. Egal wie! Ob mit klimpernder Gitarre oder poetischen Worten, kullernden Tränen oder geballten Fäusten. Ob mit erschlagender Präsenz oder lärmender Abwesenheit.

Deine Emotionen sind manchen befremdlich. Mir befremdlich nah.

 

 

 

 

Bilder und Worte des Februar

Was für ein Monat! Der nicht weiß, was er will. Irgendwie ist noch Winter. Aber die Blüten blühen. Die Augen brennen. Die Sehnsucht wächst. Wie viele Probleme wir auch haben, wie anders wir auch sind, wenn die Sonne scheint, strecken wir uns.
Ich habe keine Jacke für dieses Wetter. Wohl da ich keine mehr tragen möchte. Ich will nichts mehr tragen. Ich will nackt schwimmen in die Mittagssonne, das nasse Gesicht im Wind. Schwerelos.

Der Februar ist mein Bruder. So richtig gut verstehen wir uns nicht. Aber wir versuchen es.

Das ist Kunst, das muss so – Ein Text zu meinen Werken

Ein vielweltliches Jahr
Wie bereits erwähnt, feiert durchallemeinewelten seinen ersten Geburtstag. Ein Grund, ausgelassen zu sein? Sicher. Ein Anlass Bilanz zu ziehen? Warum nicht?

So setze ich mich an einen Schreibtisch in einem der Räume, in denen letztes Jahr Worte und Bilder aneinandergefügt wurden, starre nach draußen, wo der Wind weht, starre auf den Bildschirm, kratze meinen Arm, trinke einen Schluck Kaffee und beginne.

Das letzte Jahr war schreibintensiv. Ich habe nahezu täglich Texte produziert. Neben den üblichen Tagebuchaufzeichnungen, Kurzgeschichten, Fragmenten und der Arbeit an meinem Roman, kamen Blogeinträge und Auftragsarbeiten unterschiedlicher Art hinzu. Ein besonderer Höhepunkt in meinem Schreiberleben war das erste Geld für einen fiktionalen Text. Von dem leben zu können, was man liebt, ist sicher ein Traum von vielen. Ich bin von ihm noch weit entfernt. Auch bin ich mir nicht sicher, ob es mir am Ende nicht gehen würde, wie dem Zauberlehrling und ich die Geister, die ich rief, wieder schnell loswerden wollen würde. Schreiben hat für mich seit jeher bedeutet, ich zu sein. Schreiben für andere steht dem gegenüber. Wer versucht, beides zu vereinen, muss Abstriche machen. Will ich das? Jein.

Vom Schreiben leben?
Das Schreiben begleitet mich seit ich denken kann. In vielen Momenten habe ich bis heute das Gefühl zu explodieren, wenn ich nicht sofort schreiben kann. Daher schleppe ich auch heute noch Papier und Stifte mit mir herum, tippe beim Joggen auf mein Handy ein, weil ich eine Formulierung sofort festhalten möchte. Schreiben als eine Form des Daseins, der eigenen Selbstsicht, ist schön. Aber ich möchte mich auch gern weiterentwickeln. Mein Schreiben strukturieren und fokussieren, weitere Aufträge annehmen. Mal sehen, wo es mich hinführt. Ich vermute nicht, dass man demnächst eine Krimitrilogie von mir erwarten kann, die so spannend ist, dass man sich daran festliest. Aber wer weiß! Das geschriebene Wort hat ein Eigenleben.

Ich freue mich über jeden, der Interesse hat, sich mit meinen Worten und Bildern auseinanderzusetzen. Gerade weil ich weiß, dass manche nicht einfach zu konsumieren sind. „Ich verstehe nicht so richtig, was du damit sagen willst“ ist die häufigste Reaktion auf mein Geschreibe. Und wenn ich erzähle, dass ich bei vielen meiner seltsam hässlichen Fotos und Zeichnungen an mehr gedacht habe als eine spröde Ästhetik, ernte ich überraschte Blicke.

Was ihr wollt!
Wie dem auch sei, der Einblick in meine Gedankenwelt soll kein Lehrstück über meine verknotete Wahrnehmung sein. Auch wenn der Böse kurz vor seinem vermeintlichen Triumph dem Helden im Zeitraffer seine Beweggründe erklärt und es Menschen ein tiefes Bedürfnis ist, verstanden zu werden, möchte ich meine Werke gern von einer Deutungshoheit befreien.

Ihr findet sie schön? Hässlich? Langweilig? Verwirrend?

Richtig so!

Ihr wollt mich fragen, was ich genau damit meine?

Auf geht’s!

Bis dahin weiter frei nach dem Motto:

Das ist Kunst, das muss so!

Das muss so

Das muss so